Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen

Zwei Medienempfehlungen zum Antikriegstag am 1. September
Kindheit zur Zeit des Naziterrors auf einer nordfriesischen Insel
Hark Bohm: Amrum. – Roman, 2024 – 300 Seiten
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Nanning wächst während des 2. Weltkrieges auf der Nordseeinsel Amrum auf und kennt bisher nicht viel anderes als Dünen und das Watt, die Familien, die Schule, die Suche nach Essen (Kaninchen, Fische), heimlich Treibholz sammeln, das Versorgen seiner Familie und beobachtet sensibel sein Umfeld, versucht, als Ältester den abwesenden Vater zu ersetzen und ist selbst überfordert damit. Mit im Haus wohnt seine Tante, die jedoch eine andere politische Einstellung als seine Eltern hat und seine Verbündete ist, sich oft mit der Mutter streitet. Stramme Nationalsozialisten, hitlerhörig sind seine Eltern, Nanning muss bei den Pimpfen sein, während sein bester Freund Hermann diese Zeit in der Natur verbringen kann. Die Mutter ist erneut schwanger und dabei, das vierte Kind auszutragen. Dabei ist ihre seelische Verfassung äußerst instabil, sie liegt oft im Bett und kümmert sich nur noch um ihr Neugeborenes. Das einzig, was sie sich zu essen wünscht, ist ein Butterbrot mit Honig. Nanning tut alles, was in seinen Kräften steht und darüber hinaus, um ihr diesen Wunsch zu ermöglichen und bei ihr endlich Anerkennung zu finden: er wird vollkommen zerstochen beim Versuch, den Honig eines wilden Bienennestes zu ergattern, für die Butter muss er hart auf dem Feld arbeiten, er sammelt in den Dünen Enteneier, um sie beim Bäcker gegen Zucker einzutauschen und diesem beim Imker gegen ein kleines Honigglas. Außerdem backt ihm der Bäcker ein Weißbrot für die Mutter. Nach und nach versteht er die Welt voller Widersprüche um sich, wird von geflüchteten Kindern gemobbt und beraubt und hält fest an Familie, Hermann und den echten Amrumern. Als Hitler tot ist, kommt sein Vater nach Hause. Seine geschriebenen Bücher (Naziideologie pur) und Unterlagen werden eilig verbrannt, die Flagge eingezogen. Nun haben andere das Sagen, und sein Vater wird abgeholt. Dr. Schneider, ein Freund der Familie, will ihn „reinwaschen“, weil er angeblich Juden geholfen hat. Für Nanning ändert sich alles, der Übergang auf eine andere Schule steht an – und er verlässt die Insel.
Sehr anschauliche Schilderung des Lebens in einer Dorfgemeinschaft auf einer Insel zur Zeit der Naziherrschaft und danach.
Buchvorlage zu dem im Oktober 2025 in den deutschen Kinos angelaufenen Film Amrum.
Tanja Schleyerbach
Ein italienischer Roman über Triest, Ost und West, den Balkankrieg, Zerrissenheit, Herkunft, Identität und Liebe
Federica Manzon: Alma. – Roman, 2026 – 317 Seiten
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Alma aus Triest ist die zentrale Figur, um die herum die gefeierte italienische Bestseller-Autorin vom vielschichtigen und undurchschaubaren Krieg und seinen Folgen im ehemaligen Jugoslawien und dessen Folgen berichtet. Es ist das erste Buch von Federica Manzon in deutscher Übersetzung.
Alma, die zwischen ihren geliebten Großeltern mütterlicherseits in österreichischer Manier mit Habsburger Kaffeehäusern und einem stets flüchtenden und dadurch abwesenden Vater – der Redenschreiber Titos – und einer gleichgültigen Mutter aufwuchs, kehrt nach dem Tod ihres Vaters in ihre Heimatstadt Triest nahe der slowenischen Grenze – ein Ort zwischen Ost und West - zurück. Vili, ein gleichaltriger Junge, den ihr Vater eines Tages ungefragt nach Hause brachte, und der nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten ihre Jugendliebe wurde, soll ihr dort das väterliche Erbe übergeben. Der Roman changiert zwischen endlosen Kindheitssommern, Erwachsenwerden, politischen Erschütterungen, Gewalt und Krieg. Er umfasst im Kern einen Zeitraum von drei Tagen: die Rückkehr der Protagonistin nach Triest, entfaltet sich jedoch in einem detailreichen Rückblick über mehrere Jahrzehnte von Almas Kindheit in den 1970er-Jahren über die Ära des ehemaligen Jugoslawiens bis hin zu den Balkankriegen der 1990er-Jahre. Die komplizierte Liebe und lange Zeiten der Trennung zwischen Alma und Vili ist der Spiegel für die schwierige Situation in den Kriegen dieser Zeit. Vili ist sehr grob zu ihr, wenn es um seine geheimen Treffen, Verbindungen und seine Arbeit geht. Er ist mit seiner Kamera unterwegs, Alma hingegen fasst ihre Wahrnehmungen in Worte, schreibt über den Krieg. Eines Tages findet sie seine erschütternden Fotos vom Krieg – versteckt in Schallplattenhüllen und veröffentlicht eine Reportage von sich mit seinen Fotos. Sie ist mit Fragen nach Herkunft, Liebe und Identität konfrontiert und eine Heimatlose, Zerrissene zwischen Ost und West.
Das Buch braucht Zeit zur Lektüre.
Tanja Schleyerbach
Medienempfehlung zum Welttag der Alphabetisierung am 8. September
Bezaubernde Tiergeschichten in einfacher Sprache
Alexandra Lüthen: Paradies-Federn. Geschichten. Einfache Sprache. – Sachbuch, 2021 – 67 Seiten
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„Märchen sind für alle, die an Wunder glauben. Und noch mehr für die, die das nicht können.“ Alexandra Lüthen
Der kleine Passanten Verlag – Träger des Deutschen Verlagspreises 2022 und 2024 - hat sich auf Literatur in Einfacher Sprache spezialisiert und schreibt dazu: „Bücher für alle, die Bücher lieben und denen es manchmal trotzdem schwer fällt zu lesen. Liebevoll gestaltete Bücher mit großer Schrift und einfachen Sätzen. Dabei werden auch schwierige Worte verwendet. Oder seltene Worte. Diese Worte werden erklärt, wenn das für die Geschichte wichtig ist. Aber es ist auch schön, seinen eigenen Gedanken zu folgen. Unsere Illustrationen sind Bilder, die dem Text noch etwas hinzufügen, noch etwas anderes erzählen. Unsere Bücher in Einfacher Sprache sollen eine Tür öffnen. Eine Tür zu einer unendlichen großen Bibliothek mit Geschichten über den Menschen. Und wir sollen daran erinnert werden, zu lachen – auch über uns.“
Eine besondere Empfehlung gilt dem Erzählband Paradies-Federn, in dem die Autorin wundervolle Tiergeschichten versammelt wie die vom beleibten Mops, der sterbenden Frau Mangold und wie der Erzähler durch den Mops die Liebe fand, oder eine tierfreie Geschichte von einem Monster, das unter dem Bett lebt, noch an Kinder glaubt, sich vor ihnen fürchtet und nicht Zähne putzen will.
Die schönste Geschichte berichtet von der vornehmen Krake Ülüssabess, die vor der Küste Englands lebt und am Felsen festgewachsen ist. Sie pflegt zur Tea-Time Schwarztee und Gebäck zu sich zu nehmen und ist sehr einsam, bis ein alkoholkranker Hummer mit einer verschlossenen Rumflasche sie besucht, damit sie ihm diese öffnet, weil er den Rum zum Backen braucht. In Wirklichkeit hat er noch nie gebacken, und er kann es kaum erwarten, den ersten Schluck zu bekommen. Aber so einfach kommt er bei Ülüssabess ohne eine gepflegte Tasse Tee nicht davon. Natürlich durchschaut sie sein Problem, füllt ihn drei Tage lang mit Tee ab, damit er ausnüchtert. Auch sein Besuch der Heimlichen Hummer und das Blauen Kreises war erfolglos geblieben. Am Ende befreit er sie mit seinen Scheren zärtlich vom Felsen, und es kommt, wie es kommen muss. Sie lebten nüchtern und glücklich bis ans Ende ihrer Tage.
Themen wie Inklusion, Alkoholkrankheit oder Behinderung werden humorvoll verpackt und klug vermittelt. So gut wie unbemerkt bleibt bei der Lektüre, dass es sich um Einfache Sprache handelt. Diese bezaubernden Geschichten sind für alle – auch für Deutschlerner – gut zu lesen. Einfach nur schön.
Tanja Schleyerbach
Weitere Bücher aus dem Passanten Verlag in Einfacher Sprache in der Stadtbibliothek
LEICHT ZU LESEN - Romane und Geschichten in Leichter und einfacher Sprache in der Stadtbibliothek

Bücher in Leichter und Einfacher Sprache für Kinder
Bücher in Leichter und Einfacher Sprache für Erwachsene
Bücher in Leichter und Einfacher Sprache für Jugendliche
Medienempfehlung zum Internationalen Comic-Tag am 25. September
Witziger, überdrehter Comic-Roman
Eva Amores: Worst week ever. – Comic-Roman-Reihe, 2023 – 180 Seiten
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Justin Chase erlebt seine schlimmste Woche. Jemals! Unglaublich, was ihm alles passiert. Und so peinlich! Der Pechvogel stolpert von Missgeschick zu Missgeschick – und sorgt damit für jede Menge Lacher. In sieben Bänden, für jeden Wochentag ein Band, erzählt er, was in seinem Leben passiert. Beispiel gefällig? Seine Mutter hat einen Vampir geheiratet, sein Vater fährt ein riesiges Klo auf Rädern und seine Katze wurde wahrscheinlich von Aliens entführt. Außerdem macht ihm ein fieser Typ den ersten Tag an der neuen Schule zur Hölle. Und jetzt hängt Justin auch noch vor den Augen seiner gesamten Klasse an der Kante eines zehn Meter hohen Sprungturms - mit nichts als einer gehäkelten Badehose bekleidet, die sich gerade in Luft auflöst …. Und das ist erst der Montag!
Das alles wird äußerst dynamisch mit unterschiedlichen Schriftarten, Comicblasen und vielen Zeichnungen dargestellt und liest sich für Kids ab 9 äußerst kurzweilig – aber auch Erwachsene haben ihren Spaß! Herrlich überdrehte Geschichte zum Training der Lachmuskeln. Als Buch, eBook und eAudio verfügbar.
Zum Glück geht es jetzt weiter, denn mit „Worst pets ever“ gibt es mit den Haustieren endlich eine Fortsetzung!
Fleur Hummel
Zwei Medienempfehlungen zum Int. Tag der Demokratie am 15. September
Pflichtlektüre für jede/n mündige/n Staatsbürger/in
Timothy Snyder: Über Tyrannei. 20 Lektionen für den Widerstand. – Sachbuch, 2022 – 127 Seiten
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„Getäuscht worden zu sein ist in der Politik keine Ausrede“ Leszek Kołakowski
Timothy Snyder, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Yale University, hat bereits 2017 das Buch mit 20 Lektionen für den zivilen Widerstand vorgelegt. Er wurde mit dem Hannah-Arendt-Preis und dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnet und ist einer der schärfsten amerikanischen Kritiker der Tea-Party-Bewegung und der US-Regierung unter Donald Trump.
Snyder liefert keine grundlegend neuen Offenbarungen, sondern kompakt das Handwerkszeug für mündige Bürger, die nicht eines Tages in der Diktatur aufwachen möchten. „Verteidige Institutionen“, „Frage nach und überprüfe“, „Setze Zeichen“, „Engagiere Dich“, „Bleib ruhig, wenn das Undenkbare eintritt“ und „Sei so mutig wie möglich“ sind Lektionen, die zu beherzigen Voraussetzung dafür sind, dass Macht nicht schleichend in oligarchische oder diktatorische Strukturen mündet. Snyder analysiert die Demokratiebewegungen des 20. Jahrhunderts und deren Scheitern. Er bezieht philosophische Aspekte (Hannah Arendt) und Tagebuchaufzeichnungen von Viktor Klemperer mit ein. Ziviler Widerstand ist wachsam und fängt weit vor den ersten Anzeichen eines Systemwechsels statt und beginnt mit Kleinigkeiten, Haltung und Vorsicht gepaart mit Mut.
Die Perspektive ist USA-zentriert. Eine Aktualisierung (inhaltlicher Stand 2017, manches ist überholt) und ein internationaler Blickwinkel sind sehr wünschenswert.
„Da das „Leben in Lüge“ die Grundstütze des Systems ist, ist das „Leben in Wahrheit“ eine Grundbedrohung für das System.“ Vaclav Havel
Gut verständlich: Pflichtlektüre auch an Schulen!
Tanja Schleyerbach
Wie die Demokratie nach Bhutan kommt
Was will der Lama mit dem Gewehr? Regie: Dorji, Pawo Choyning. – 1 DVD, 2024 – 107 Minuten
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Bhutan hat den "Gross National Happiness Index" (Bruttonationalglücksindex) entwickelt und nutzt ihn, um das BIP auch in humanistischer und psychologischer Weise zu definieren und einen ganzheitlicheren Bezugsrahmen gegenüberzustellen. Nach 100 Jahren hat das Königreich mit 700.000 EW 2008 einen friedlichen Übergang in die Regierungsform der Demokratie geschafft. Dieses Thema greift der Film auf.
Der König von Bhutan kommt eines Tages auf die Idee, sein Volk glücklich zu machen, indem er ihnen zuerst Zugang zu Internet und Fernsehen ermöglicht und anschließend freie Wahlen und die Demokratie einführt. "Wir sind doch schon glücklich", denken sich die Menschen und „Was soll das?“ Wahlkampf und freie Wahlen müssen erst eingeübt werden, und so gibt es Probewahlen mit drei Parteien, denen Farben zugeordnet sind. Daraufhin kündigt der Lama, dem diese Entwicklungen nicht gefallen, eine Zeremonie an. Aber was will er mit einem Gewehr? Er gibt den Grund dafür nicht preis, als er einen Mönch beauftragt, ihm bis zum Vollmond in wenigen Tagen eines zu besorgen. Gewehre sind allerdings Mangelware in Bhutan, viele haben noch nie eines gesehen. Der beauftragte Mönch kommt einem Waffenspezialisten aus den USA in die Quere (und umgekehrt), der sich für ein seltenes altes Gewehr interessiert und bereit ist, dem Besitzer Unsummen (und trotzdem deutlich zu wenig) dafür zu bezahlen.
Bei der Zeremonie wird offenbar, was der alte und weise Lama mit dem Gewehr will. Der Amerikaner, in dessen Land es mehr private Schusswaffen als Einwohner gibt, wird einen anderen als den geplanten Weg gehen.
Ein ruhiges, entschleunigtes und nachdenkliches kleines Filmjuwel mit bestechend schönen Landschaftsaufnahmen.
Tanja Schleyerbach
Medienempfehlung zum Tag der Zahngesundheit am 25. September
Die Kieferspezialistin erklärt Zähneknirschen, -pressen und CMD – mit vielen Übungen
Stefanie Kapp: Gesunder Kiefer - Gesunder Körper. – Sachbuch, 2022 – 176 Seiten
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Was passiert beim Zähneknirschen und -pressen? Wie entsteht CMD und was ist das überhaupt? Stefanie Kapp erklärt diese komplexen Kieferbeschwerden und warum sie mehr als nur mechanische Therapien benötigen, weshalb dieses Buch auch durch Körper, Geist und Seele führt. Ein Leitfaden gibt eine Übersicht der einzelnen Beschwerdebilder, die mit dem Kiefer zusammenhängen und zeigt mögliche Lösungen dazu. Im Theorieteil werden die Anatomie der betroffenen Strukturen, Symptome und Ursachen, der Einfluss von Stress, das Schmerzgedächtnis und die Auswirkungen auf den gesamten Körper erklärt. Das Kiefer-schmerz-frei-Programm enthält Übungen zur Entspannung, Massage, Dehnung, Mobilisation und Stabilisation des Kiefers. Spezielle Übungen gibt es für Kopfschmerzen, Kieferknacken und Schmerzen der Halswirbelsäule. Auch ohne Buch geht es anschließend weiter: Stefanie Kapp zeigt auf YouTube zahlreiche Übungen für den Kiefer – denn für Veränderungen ist zu Beginn »dranbleiben« alles!
Stefanie Krohmer
Medienempfehlung zum Weltalzheimertag am 21. September
Lachen im Demenzalltag
Thomas Klie; Peter Gaymann: Demensch. – Sachbuch, 2023 – 128 Seiten
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„Ich bin der Welt abhanden gekommen ...“ Friedrich Rückert
Der Cartoonist Peter Gaymann und der Sozialexperte und Gerontologe Prof. Thomas Klie, die sich seit vielen Jahren für von Demenz Betroffene engagieren, haben in einem Band Stimmen aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft mit eigenen Karikaturen zum Thema Demenz veröffentlicht. Dabei sind sehr persönliche Erzählungen mit Demenzerfahrungen, Berichte aus der Pflege und Einschätzungen aus philosophischer und medizinischer Sicht. Sie alle eint ein verstehender, menschenfreundlicher Blick auf eine nicht heilbare Krankheit. Besonders heraus sticht ein Artikel von Prof. Thomas Klie „Menschsein, Würde und Teilhabe – und Demenz“. Die Karikaturen sind durchweg liebevoll und aus Sicht der Betroffenen gezeichnet. Humor als Bewältigungsstrategie für Angehörige und Pflegende und als Türöffner für Menschen, die (noch) wenig Berührung mit dem Thema haben. Informationen und Geschichten, um ein besseres Verständnis und Sensibilisierung in der Gesellschaft zu bewirken. Das ist dem Autorenduo hervorragend gelungen.
Für möglichst viele!
Tanja Schleyerbach
Zum Programm des Weltalzheimertages 2026 des Landkreises Reutlingen (Deutsches Rotes Kreuz)
Medienempfehlung zum Weltfriedenstag am 21. September
Wie können wir friedlich miteinander leben? Von der Verletzlichkeit des Individuums
Ferdinand von Schirach: Alexander. – Kinderbuch, 2026 – 149 Seiten – ab 10 Jahre
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„Würde. Jeder Mensch besitzt sie… Du bekommst sie mit deiner Geburt.“
Der Grundfrage des friedlichen und gedeihlichen Zusammenlebens geht Ferdinand von Schirach in einer Geschichte nach, die für Kinder wie für Erwachsene gleichermaßen schön zu lesen ist. Zwei Krieg führende Länder mit großen menschlichen Verlusten und Zerstörungen sind gerade in einem Status des Waffenstillstandes, aber eine Seite fordert von der anderen, zu garantieren, dass kein Tyrann mehr einen Krieg anzettelt und gibt dem Land 7 Tage Zeit, ein Konzept vorzulegen. Letztlich wird nach einem langen Auswahlprozess ein kleiner Junge, Alexander, damit beauftragt, das zu entwickeln. Er macht sich auf eine Reise durch sein Land und versucht herauszufinden, wie man gerechte Gesetze machen soll. Er befragt dazu ein Orakel, einen Philosophen, einen Modeschöpfer, wie die Kesselflicker streitende Zwillinge, eine weise Frau, einen Weinhändler und andere, was ihnen dafür als das wichtigste erscheint. Mit einem nur von ihm zähmbaren schnellen Pferd erreicht er vor Ablauf der Frist gerade noch rechtzeitig den König des anderen Landes und unterbreitet ihm seine Erkenntnisse, die auf den Antworten der Menschen und Philosophien der Antike beruhen. Der König ist überzeugt und gebietet seinen Soldaten Einhalt. Frieden und Gerechtigkeit sind von jetzt an für beide Länder gesichert.
Eine Empfehlung für Schirachs erstes Kinderbuch, das Hoffnungsakzente in kindgerechter Sprache setzt.
Ab 10 Jahren und für Erwachsene
Tanja Schleyerbach
Medienempfehlung zur Interkulturellen Woche ab 27. September
Ein Roman wie eine Wucht: vom Aufwachsen in einer aserbeidschanischen Familie
Jegana Dschabbarowa: Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt. – Roman, 2025 – 138 Seiten
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Die aserbeidschanische Autorin beschreibt ihr Leben und das ihrer Familie im russischen Exil und ihre Tradition auf poetisch kraftvolle Weise in elf Kapiteln anhand von Körperteilen: Augenbrauen, Mund, Hände, Rücken, Augen, Schulter, Bauch, Beine, Zunge, Hals, Haare. Jegana fiel schon früh als Kind mit Widerspruch auf, mit unzähligen Fragen, die man nicht stellt, und es war klar, dass das in dieser Familie zu Schwierigkeiten führen wird und Lügen und Heimlichkeiten unvermeidlich sind. Erschreckend, welche Sätze aus ihr herausbrechen und wie genau sie das gewaltvolle Patriarchat in Worte zu fassen vermag. „Mit jedem Schlag gegen Mutters rechtlosen Körper prügelte er unsere Freiheit in einen Sarg, hämmerte diese Worte immer tiefer ein, warf Erde über unsere Hoffnungen, stampfte mit seinen großen Füßen unsere kleinen Körper fest in einer Kiste mit der Aufschrift ‚Frau‘.“ Frauenhände, die nur zur Hausarbeit vorhanden sind und Männerhände für Gewaltausbrüche aus krankhafter Eifersucht und aus allen anderen Gründen, am schlimmsten in Verbindung mit Alkoholkonsum. Doch da sind Jeganas Hände, die Zuflucht im Schreiben suchen – und wie. Und da gibt es Eltern, die zur Kontrolle, Überwachung und Aussprache von Verboten, aber nicht für Liebe da sind. Beine, die nicht gezeigt, Augenbrauen, die unverheiratet nicht gezupft, Haare, die nicht geschnitten werden, Münder, die Gedanken und Gefühle nicht aussprechen dürfen und ein Bauch, der nur zum Gebären da ist. Krankheiten, Makel und Charaktereigenschaften, die für eine gute Partie versteckt werden müssen, Enttäuschung der Eltern, weil sie nicht heiraten möchte und Nachwuchs verweigert. Cousinen, die alle heiraten und verächtlich auf die Außenseiterin herabblicken und sie verurteilen. Ausgrenzung in der Schule, weil sie anders (gekleidet) ist und spricht. Eine Befreiung erlebt Jegana, als sie zum ersten Mal in einem Schwimmbad ist. Körper, die sind, wie sie sind, keiner makellos, und das Beste: niemand achtet auf sie, niemand beurteilt ihren Körper.
Selbst schwanger ist ihre Mutter nicht vor Gewaltausbrüchen des Vaters geschützt, ein vor ihr ungeborenes Kind stirbt daran und sie selbst bekommt dadurch als Erwachsene die neurologische Krankheit Dystonie, bei der Muskeln so verkrampfen, dass einfachste Bewegungsabläufe nicht mehr möglich sind. Sie beschreibt der Verlauf der Krankheit mitsamt einem Vater, der selbst in der Klinik noch Kleidervorschriften macht und Eltern, die sie niemals verstehen (wollen).
Ein literarisch wichtiges und rasiermesserscharf beobachtetes Zeugnis einer aserbeidschanischen Familie und der unvorstellbare Befreiungskampf einer mutigen Tochter.
Tanja Schleyerbach