GO

Empfehlungen November 2020

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen


 

Sechs Schurken und ein edler Prinz

Buckingham, Royce: Die Glorreichen Sechs. – München: Blanvalet, 2010. – 575 Seiten

Titel verfügbar?

Prinz Caspar ist beleidigt: Anstatt ihm einen Botschafter­posten zu geben, hat ihn seine Tante, die Königin Nevea vom Land Hyak, zum Steuer­eintreiber ernannt! Als Anführer einer recht bunten Gruppe von hemds­ärmeligen, vulgären Hals­ab­schneidern muss er nun durch die Lande ziehen. Will seine königliche Tante ihn etwa loswerden? Die Chancen dafür stehen gut, denn sprechende Drachen, zahlungs­unwillige Unter­tanen und geheimnis­volle Hexen machen ihm im neuen Job das Leben schwer. Aber Prinz Caspar hat so seine ganz eigenen Überlebens­strategien. Und schließlich wächst man mit seinen Aufgaben…
Echt flotter Fantasy­roman mit Witz, Action, gewieften Charakteren, stimmiger Atmosphäre und einer zügigen Handlung. Als Einzel­band wohltuende Abwechslung zu den vielen Reihen. Der Autor Royce Buckingham steht für humorvolle Fantasy-Unterhaltung, seine „Dämonen-Reihe“ waren Bestseller und er kann mit skurrilen Einfällen und eloquentem Schreibstil die Leser/innen zum Schmunzeln bringen.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Einblick in ein wenig bekanntes Kapitel der DDR-Geschichte

Und der Zukunft zugewandt. / Regie: Bernd Böhlich. – D, 2020. – 1 DVD. – 104 Min.

Titel verfügbar?

„Wahrheit ist das, was uns nützt.“

Die Kommunistin Antonia Berger hat 10 Jahre – unschuldig verurteilt als „Stalins Feind“ – in einem sowjetischen Straflager verbracht, bevor sie 1952 zusammen mit ihrer lungen­kranken Tochter und zwei weiteren Gefangenen mit allen Ehren in der DDR empfangen wird. Ihre Tochter bekommt medizinische Hilfe, sie selbst erhält eine Wohnung und Arbeit als Kultur­beauftragte, und sie glaubt nach ihren schlimmen Erfahrungen im Gulag wieder an ein gerechtes kommunistisches System. Antonia verliebt sich in den Hamburger Konrad, der fern von seiner Familie sein Leben als Arzt in Fürstenberg verbringt. Doch dieses neue Leben hat einen Preis: Die Frauen soll schweigen über ihre Zeit in der Sowjetunion und unter­schreiben das Dokument für ihre Frei­lassung. Doch ihre Zweifel, ob diese Entscheidung richtig war, mehren sich. Ihrem Tagebuch vertraut die gebrochene Antonia, hervor­ragend gespielt von Alexandra Maria Lara, ihre Gedanken an. Immer wider­sprüch­licher erscheinen ihr die Machen­schaften des DDR-Regimes, und das Verbot des Schweigens ist ihr nicht mehr erträglich.

Der auch in den Nebenrollen sehr gut besetzte Film bietet eine ansprechende Aufarbeitung eines wenig beleuchteten Kapitels der Geschichte und beruht auf guten Recherchen und einer wahren Geschichte.

Tanja Schleyerbach

 

Magischer Wettstreit

Howard, Kat: An unkindness of magicians. – London: Saga Press, 2019. – 354 Seiten

Titel verfügbar?

Die unsichtbare Welt wird sich verändern. Und das nicht nur, weil die alle paar Jahre statt­findenden Duelle der magischen Häuser um die Vorherrschaft bevorstehen. Denn Magie hat ihren Preis…

Kat Howard verzichtet auf eine umständliche Einleitung und langatmige Erklärungen, sie wirft uns stattdessen direkt in die Handlung. Die Charaktere muss man selbst kennenlernen. 

Ungewöhnliche Geschichte mit interessanten Figuren und einer Prise erbarmungsloser Brutalität.
Easy to read, gibt‘s aber auch auf Deutsch unter dem Titel: Schatten der Magie.

Andrea Bässgen

 

Unbequeme Tatsachen und Lösungswege

Hose, Burkhard: Warum wir aufhören sollten, die Kirche zu retten. Für eine neue Vision von Christsein. – Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag, 2019. – 144 Seiten

Titel verfügbar?

Burkhard Hose, Studenten­pfarrer der Katholischen Hochschul­gemeinde Würzburg, legt ein Plädoyer für ein neues Verständnis von Kirche vor. Er fordert angesichts von Missbrauch und strukturellen Zusammen­brüchen den Verzicht auf sinn­freien Macht­erhalt und Wahrheits­ansprüche von „erschöpften Hirten ohne Schafe“. Stattdessen: Wahrhaftigkeit durch einander dienende jesuanische Liebe – bei den Menschen bleiben, statt zu gehen, wenn es unbequem wird. Ihm geht es nicht um eine bessere Kirche, sondern um eine bessere Welt im freiheit­lichen Geist Jesu, die von Frauen und Männern gleich­berechtigt und human gestaltet wird. Sein Amt und seine Macht reflektiert Hose ebenfalls kritisch. Sein Lösungs­ansatz ist sachlich und klug: Offenheit dafür, was sich entwickeln wird, wenn man auf Macht verzichtet. Fragen aushalten und in die Antwort hineinleben, statt sie zu geben. Eine aufrüttelnde, zeitgemäße, biblisch begründete und die Institution Kirche hinter sich lassende Streit­schrift mit Beispielen aus der Praxis.

Tanja Schleyerbach

 

Naturgewaltige Flusslandschaft

Ohler, Norman: Die Gleichung des Lebens. – Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019. – 415 Seiten

Titel verfügbar?

Ein Mathematik­genie, ein preußischer König und der Oderbruch östlich von Berlin: das sind die Ingredienzien für einen wunderbaren historischen Roman. Friedrich II. will 1747 den Oderbruch östlich von Berlin trocken­legen. Dort soll statt Sumpf­gebieten und labyrinthischer Fluss­landschaft künftig Weide- und Acker­land neue Untertanen ernähren, die neu entdeckte „Erdtuffel“ wachsen und Über­schwemmungen und Sumpf­fieber der Vergangenheit angehören. Aber die wendischen Fischer, die in der unwegsamen Gegend leben, rüsten sich zum Widerstand. Ihre jahrhunderte­alte Natur- und Lebenswelt ist bedroht. Der französische Ingenieur, der für das Projekt zuständig war, wird tot aufgefunden. Und Friedrich II. schickt den unwilligen Mathe­matiker Leonhard Euler vor Ort. Er soll das Land vermessen und den Todesfall aufklären – dabei will er sich doch nur seinen Studien widmen. Statt­dessen findet sich das lebens­ferne Mathematik­genie bald im Kampf mit ungeahnten Gefahren. Was zuerst nach einem historischen Krimi aussieht, ist viel mehr. Ohler erzählt die Geschichte eines großen Landbau­projektes und entwirft ein Panorama von Preußen, das sich im 18. Jahrhundert aufmacht in eine moderne Welt. Aus dem historischen Krimi wird schnell eine Erzählung von Fortschritt, Tradition und Freiheit.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Leichentücher und Weltraumanzüge: Textilherstellung in Laufe der Zeit

St. Clair, Kassia: Die Welt der Stoffe. – Hamburg: Hoffmann + Campe, 2020. – 413 Seiten

Titel verfügbar?

Hanf, Leinen, Seide, Wolle, Kunst­fasern. Anknüpfend an Personen wie Ludwig XIV oder Kaiser Nero, spinnt die Autorin die Geschichte der Textil­herstellung im Laufe der Jahr­hunderte. Chrono­logisch erzählt sie, wie der Mensch die Wolle für sich entdeckte, die alten Ägypter ihre Mumien in Leinen ein­wickelten, wie die Seiden­straße entstand und wie Anzüge für den Weltraum entwickelt wurden.  Ob Natur- oder Kunstfaser – faszinierende Geschichten zeigen die Bedeutung der Textilien für die Menschheit. Das alles liest sich sehr lebendig, unterhaltsam und informativ. Schade ist lediglich, dass der fade Buch­umschlag nicht die Farbigkeit des Inhalts wiedergibt. Man sollte sich dennoch davon nicht abschrecken lassen, dieses interessante Buch zu lesen.

Maria Weber

 

Familiendrama in Türkisch-Kurdistan

Min Dît. / Regie: Miraz Bezar. – D/TR, 2010. – 1 DVD. – 102 Min.

Titel verfügbar?

Gulistan (10 Jahre alt) und ihr jüngerer Bruder Firat leben mit ihrer kleinen Schwester Dilovan und ihren Eltern in Diyarbakir. Eines Tages müssen sie mitansehen, wie ihre Eltern im Auto von einer para­militärischen Gruppe erschossen werden. Ihr Vater war ein regime­kritischer Journalist. Nach der Ermordung ihrer Eltern werden die drei Geschwister zunächst von ihrer Tante Yekbun betreut, bis diese auch verschwindet, ohne dass die geplante Ausreise nach Schweden gelingt. Alleine gelassen hausen die drei Kinder in der elter­lichen Wohnung, in der bald Wasser und Strom abgestellt werden, und das Baby stirbt. Weil sie die Miete nicht bezahlen können, landen sie auf der Straße, wo sie ihr Schicksal mit anderen Kindern teilen. Zelal und ihr blinder Großvater helfen ihnen, in der fremden Welt besser zurecht­zukommen. Gulistan findet in der Prostituierten Dilan eine Freundin, die sie zum Mörder ihrer Eltern führt, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Der Tod der Eltern bleibt nicht ungesühnt. Leise, eindringlich und sehr glaubwürdig nimmt Miraz Bezar, der für den Film 2005 von Berlin nach Diyarbakir zog, den Zuschauer mit in eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht und zu einem beklemmenden Porträt des Lebens in Türkisch-Kurdistan in den 90er Jahren wird.

Tanja Schleyerbach

 

Und morgens macht die Putzkolonne den Dreck weg

Nagelschmidt, Thorsten: Arbeit. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2020. – 333 Seiten

Titel verfügbar?

Wenn es dunkel wird, gehen in diesem Roman die Lichter an in Berlin. Die Stadt wird zu einem Feuerwerk an Nachtleben, Clubszene und Party. Aber am Rande des Ausgeh­betriebs müssen Menschen ihren Job erledigen, während Touristen, Studenten und Raver feiern. In einem Kreuzberger Hostel beginnt Sheriff seine Nachtschicht. Im Späti nebenan erlebt die Besitzerin den zweiten Überfall in diesem Jahr. An der Tür des Clubs realisiert der Türsteher, dass Familie und Arbeitszeit nicht zusammen­passen. Außerdem: ein Drogendealer mit Helfer­syndrom und Zahn­schmerzen, ein Taxifahrer mit Geldsorgen, eine Buchhändlerin, die nachts Pfandflaschen sammelt, eine Notfall­sanitäterin und ihre Patienten. Elf Schicksale, locker verbunden. Wer sind diese Menschen, die nachts arbeiten, während andere feiern? In diesem tollen und temporeichen Gesellschafts­roman sind die Episoden und die Schicksale locker verwoben. Zwölf Stunden, die gnadenlos schnell abgehen in einer Zeit vor Corona.

Andrea Däuwel-Bernd