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Ein Fantasy-Debüt zum Wohlfühlen
Gareth Brown: Das Buch der tausend Türen. – 2024. – 526 Seiten
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Dieser Debüt-Roman kombiniert drei meiner absoluten Lieblingstropen: Ein Buch über Bücher, eine fantastische Welt mit einem einzigartigen Magiesystem (welches auf Büchern beruht) und Zeitreisen. Der Autor kombiniert diese drei Tropen auf wundervolle Art und Weise und das Resultat ist ein Roman, den ich kaum aus der Hand legen konnte.
Das Konzept (magische Bücher, die dem Träger verschiedene übernatürliche Fähigkeiten verleihen), sowie die Handlung dieser Geschichte sind beide so einzigartig wie komplex, und die Figuren des Romans sind vielschichtig beschrieben und absolut liebenswert: Ich habe in jedem Kapitel und durch jedes Abenteuer mit ihnen mitgefiebert.
Ich habe selten eine Geschichte über Zeitreisen gelesen, die so viel Sinn ergeben hat und ganz und gar logisch in dem sich selbst gesteckten Rahmen bleibt.
Eine wunderschöne Geschichte über Trauer, Freundschaft, und gefundene Familie.
Antonia Heger
Medienempfehlung zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung 3.12.2025
Roadmovie: Verlust und Trauer gepaart mit Witz und Warmherzigkeit
Marianengraben. Regie: Eileen Byrne. – 2024. – 87 Minuten– ab 12 Jahre
Titel verfügbar?
Der Marianengraben ist die tiefste Stelle der Erde und liegt im Pazifischen Ozean, östlich der Philippinen. Die Kapitel der gleichnamigen Romanvorlage von Jasmin Schreiber sind mit Zahlen betitelt, die bei 11.000 beginnen und bei Null enden. Sie sind ein Symbol für die Entwicklung von Paula (herausragend gespielt von Luna Wendler) und ihren Aufstieg aus der Tiefe ihrer Verzweiflung, Depression und Trauer zurück ins Leben, nachdem ihr geliebter kleiner Bruder Tim in Triest im Meer ertrunken ist. Sie schneidet sich die Pulsadern auf und hofft, ihm direkt nachzufolgen. Paula trifft auf dem Friedhof, wo Tim bestattet ist, auf Helmut (Edgar Selge), der nachts verbotenerweise die Urne seiner Frau ausgräbt. Er erträgt es nicht, dass sie dort vergraben bleibt, er will sie bei sich haben. Er möchte mit der Urne seiner Ex-Frau nach Italien fahren, um dort einen Teil der Asche an gemeinsam besuchten Orten zu verstreuen, und sie anschließend im eigenen Garten bestatten. Auch sein Sohn ist ertrunken, und er trauert schon lange um ihn. Paula macht sich mit ihm auf den Weg nach Triest, wo ihr Bruder ertrunken ist und an dessen Geburtstag sie dort sein will. Dort hofft sie, ihm nahe zu sein in ihrer Trauer, aber die Zeit ist knapp und Helmut mit sich selbst beschäftigt, nicht gewillt, Paula dorthin zu fahren. Die überraschend und langsam sich entwickelnde etwas ruppige Freundschaft, die zwischen den beiden ungleichen Menschen wächst, ist durch ihre Verlustgefühle geprägt – und hilft beiden, besser mit ihrem Schmerz umzugehen und einen Weg aus der Trauer zu finden, indem sie sich mit ihr auseinandersetzen. Darin verstehen sie sich. Bis zuletzt siezen sie sich, man soll es ja nicht gleich übertreiben. Dabei fehlt es dem Film nicht an Humor und durchgeknallten Szenen. Auch Tim erscheint immer wieder und spricht mit Paula. Er schickt sie ins Leben zurück, wenn sie nicht mehr möchte.
Warmherziges Roadmovie, das sich dem Thema Trauer und Verlust stellt und das Leben und die Freundschaft feiert.
Tanja Schleyerbach
Normal dysfunktional?
Annika Büsing: Wir kommen zurecht. – 2025. – 280 Seiten
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Allen, die Caroline Wahls Bücher "22 Bahnen" und "Windstärke 17", "Paradise Garden" von Elena Fischer oder auch "Tschick" von Wolfgang Herrndorf mochten, empfehle ich die Bücher von Annika Büsing. "Nordstadt" und "Koller" haben mir bereits außerordentlich gut gefallen und so habe ich mich auf die Neuerscheinung aus diesem Jahr sehr gefreut. "Wir kommen zurecht" ist flüssig wie ein Jugendbuch zu lesen und ich war wieder beeindruckt von der direkten aber auch poetischen Sprache und der Authentizität der Protagonisten. Philipp steht kurz vor dem Abitur und trägt die Spuren einer psychisch erkrankten Mutter nur oberflächlich mit Fassung. Es geht wie in Annika Büsings anderen Büchern ums (Über-)Leben, um normale und dysfunktionale Beziehungen und den ganzen Wahnsinn des Erwachsenwerdens.
Jutta Zimmermann
Widerstand und Zuversicht inmitten eines grausamen Bürgerkrieges – Flucht aus Syrien – Ankommen in Deutschland
Aeham Ahmad: Und die Vögel werden singen : ich, der Pianist aus den Trümmern. – 2017. – 366 Seiten
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Nachlese zur Auftaktveranstaltung der IKW 2025 mit Aeham Ahmed in der VHS Reutlingen
Aeham Ahmed nimmt seine Leser/innen mit in die Welt des syrischen Bürgerkrieges, der 13 Jahre dauerte, über eine halbe Million Menschenleben kostete und unvorstellbares Leid durch entsetzliche Gräueltaten und barbarische Folter verursachte.
Sein Vater ist blind und kümmert sich im Gegensatz zu anderen syrischen Vätern, von denen viele gewaltvoll sind, liebevoll um die Erziehung seines Sohnes. Er will seine musikalische Karriere fördern und scheut weder Mühe noch Kosten, um Aeham, dessen Bruder früh verstarb, in die Konzertsäle der Welt zu bringen. Aber die Familie ist arm. Viele Widerstände sind zu überwinden. Aeham berichtet sachlich-nüchtern von seiner behüteten Kindheit in einem damals noch friedlichen Syrien, von seinem Vater, dem Instrumentenbauer, und den engen Freunden Mahmoud und Meras, mit denen er durch sein Viertel in Damaskus zieht. Als der Krieg ausbricht, spielt Aeham weiter und transportiert sein Klavier mühsam an Orte neben große Bombenkrater. Er spielt für alle, die seine Musik hören wollen, und das sind viele – Nachbarn und besonders Kinder –, um sie und sich selbst von den Entsetzlichkeiten des Krieges abzulenken. Er wird ein YouTubeStar: Menschen auf der ganzen Welt hören seine Musik. Er erlebt, wie ein Kind neben ihm ein sinnloses Opfer des Krieges wird. Das nimmt ihm die Kraft, weiter Musik zu machen. Er heiratet, bekommt ein Kind, und es wird immer gefährlicher. Sein teuerstes weißes Klavier wird brutal zerstört. Er flieht nach Deutschland, nicht wissend, ob oder wann er seine junge Familie wiedersehen wird. Die lebensgefährliche Flucht ist eine traumatisierende Erfahrung. Erstmals berichtet Aeham selbst von seinem bewegenden Leben voller Gefahren und Widerstand und vermag zu vermitteln, was Menschen, die Deutschland nach einer Flucht vor Krieg und Verfolgung über viele Länder erreichen, durchlitten und riskiert haben und als Bürde im Gepäck tragen.
Tanja Schleyerbach
Bewegende Aufarbeitung familiärer Suizide
Bettina Flitner: Meine Schwester. – 2022 – 320 Seiten
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Bettina Flitner, internationale Künstlerin und Fotografin und seit 2018 auch offiziell die Frau an Alice Schwarzers Seite (Alice wird ab und zu diskret erwähnt), hat ein Buch geschrieben, dessen Inhalt nicht so schnell aus dem Gedächtnis weichen will. Der Suizid ihrer Schwester Susanne ist Anlass, um sich der Familiengeschichte zu stellen, in der Suizide einen Großteil der Todesursachen sind. Ihre Mutter – lange von ihr selbst mantraartig vorhergesagt – mit 47 Jahren, ihre Schwester mit 57 Jahren. Beide litten wie andere Familienmitglieder an starken Depressionen – schwarze Raben, die sie einkreisen und sich niederlassen.
Wann war das letzte Mal, als sie mit Susanne gesprochen hat, und wer hat zuletzt mit ihr gesprochen, wen hat sie getroffen vor ihrem Tod? Als die Todesnachricht kommt, hat Bettina erstmals einen soeben von einer Freundin geschenkten Pullover an und weiß im selben Moment: nie wieder wird sie diesen tragen. Alles, was sie an den Moment der Todesnachricht erinnert, versucht sie, aus dem Gedächtnis zu verdrängen.
Und wie war die gemeinsame Vergangenheit, die Familiengeschichte? Die Schwestern besuchen Waldorfschulen und später Montessorischulen, Susanne immer beliebt, immer der Star, gutaussehend, beide manchmal zu einem Verwechslungsspiel bereit. Durch den häufigen Berufswechsel des Vaters können sie nirgends wirklich Fuß fassen, immer wieder werden sie aus Freundschaften herausgerissen und müssen neu anfangen. Umso mehr sind die beiden einander verbunden. Die Beziehung der Eltern wird immer schwieriger, beide haben häufig wechselnd andere Partner. Die Eltern nehmen repräsentative Pflichten wahr, die Kinder sind bei ihren vier Großeltern, die sie anschaulich schildert. In Rückblenden blättert Bettina die Kindheit und die Zeit nach dem Suizid der Schwester Susanne auf. Der Vater liebt Susanne und achtet Bettina, die gar nicht erwachsen werden möchte – im Gegensatz zu Susanne. Die achtet ständig auf ihre Figur, leistet sich teure Cremes, aber sie findet nicht zu sich. In einer psychiatrischen Klinik sucht sie Hilfe – zu spät. Sie hinterlässt eine ratlose und trauernde Familie.
Sehr beeindruckend, ehrlich und gleichzeitig einfühlsam-distanziert geschrieben. Ein Buch, das nahe geht und lange im Gedächtnis bleibt.
Tanja Schleyerbach
„Game-Over, Universe!“
Katie Mack: Das Ende von allem * : *astrophysikalisch betrachtet. – 2021. – 270 Seiten
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Es ist für die Menschheit kein Geheimnis wie unsere Erde in etwa fünf bis sieben Milliarden Jahren ihr Ende findet. Die Antwort darauf, ist Feuer. Die Sonne wird sich zu einem roten Riesen ausdehnen und die Oberfläche der Erde verbrennen.
Katie Mack hingegen denkt ein bisschen größer. In diesem Buch geht die theoretische Kosmologin und Assistenzprofessorin der North Carolina State University auf fünf mögliche Enden unseres Universums ein. Sie behandelt dabei Theorien wie den „Big Crunch“, Apokalypsen aus dunkler Energie, die Quantenblase des Todes und den Urprall.
Die Theorien sind sehr Verständlich und auf einer guten Faktengrundlage und mathematischen Berechnungen aufgebaut und auch für Menschen mit einem geringen Vorwissen im Bereich der Astrophysik weitestgehend verständlich. Ein must-read für alle, die die Frage vom Ende nicht loslässt.
Lena Wiederanders
Medienempfehlung zum Tag des Krimis 8.12.2025
Spannende historische True crimes aus den USA
Anna Maria Schenkel: Richtet sie hin! - der Priester auf dem elektrischen Stuhl. True crime. – 2024. – 176 Seiten
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Die 2006 durch den True-Crime „Tannöd“ bekannt gewordene Andrea Maria Schenkel, heute Lehrende an der CUNY John Jay College of Criminal Justice der City University of New York, hat neun historische US-Kriminalfälle recherchiert und ihre Geschichten in „Richtet sie hin“ veröffentlicht. Manche sind kurios, andere brutal, und alle sind tödlich. Bei allen Fällen ist Schenkel daran interessiert, wie der Täter zum Mörder geworden ist. Nach der Schilderung des Falles wird deren biografischer Werdegang skizziert. Ihre Überzeugung ist, dass kein Mensch von Geburt an böse ist. Damit wird der Fokus auf die Täter – weg von den Opfern gelenkt.
Harry Kendall Thaw war besessen von dem New Yorker Stararchitekten Stanford White und erschoss ihn 1906 auf der Dachterrasse des von ihm entworfenen Madison Square Garden aus nächster Nähe.
Der Sonderling Hans Schmidt ermordete im Herbst 1913 das Hausmädchen Anna seiner Pfarrei in Harlem, zerstückelte ihre Leiche und versenkte sie im Hudson River. Als einziger Pfarrer in der Geschichte der USA wurde er hingerichtet.
Carl Panzram ermordete nach eigenen Angaben über zwanzig Menschen. Seine Obsession galt den Schwachen, Harmlosen und Ahnungslosen. Unfassbar, dass er nur für ein Tötungsdelikt verurteilt wurde.
Schenkels Buch gibt mit ihrem nüchternen Schreibstil zudem ein Einblick in die Umgebung von New York Anfang des 20. Jahrhunderts, in seine Gesellschaft, ihr Denken und Handeln.
Eine gute Mischung aus True crime und Historischer Krimi – interessant wäre zusätzlich eine Recherche aus der Opferperspektive.
Tanja Schleyerbach
Spannender Pageturner
Royston Reeves: Ich war's nicht. – 2025. – 314 Seiten
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Eine so spannende Geschichte in nur 300 Seiten zu packen ist sicherlich schon eine Herausforderung, aber so schlüssig und sinnvoll zu einem Ende zu kommen – Hut ab!
Außerdem wird es zeitweise so spannend, dass man vor Aufregung nervös wird.
Absolute Leseempfehlung!
Katrin Grießinger
Zwei Brüder finden als Erwachsene zueinander
Die leisen und die großen Töne. / Regie: Emmanuel Courcol. – 2025. – 98 Minuten – ab 0 Jahre
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Thibault und Jimmy sind Brüder, wissen aber nichts voneinander. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, aber eines verbindet sie: die Liebe zur Musik. Thibault ist als Vollprofi unterwegs und dirigiert in den Konzertsälen der Welt. Jimmy arbeitet in einer Schulküche und spielt leidenschaftlich Posaune in der örtlichen Blaskapelle. Die beiden wurden als Kinder getrennt und sind in verschiedenen Familien aufgewachsen. Als Thibault nach einem Knochenmarkspender sucht, findet er seinen Bruder, der von ihm jedoch nichts wissen möchte. Er bringt sein ganzes geregeltes Leben durcheinander. Nach und nach nähern sie die beiden an, die Transplantation wird durchgeführt, und die beiden kommen immer wieder ins Gespräch miteinander. Thibault hilft der Blaskappelle bei einem nationalen Musikwettbewerb und taucht tiefer in die Welt der Amateurmusiker/innen ein.
Der Film lebt von ruppigen, berührenden und humorvollen Szenen, von zweierlei Musikwelten, Familien und Charakteren, von der Stärke der familiären Bande und der liebevollen Annäherung zweier Brüder. Die warmherzige und anrührende Filmerzählung eignet sich hervorragend für einen entspannten Filmabend!
Tanja Schleyerbach