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Sonderausgabe: Empfehlungen Februar 2021 mit eMedien

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Spannende Suche nach dem Schicksal der verschwundenen Großmutter

Autissier, Isabelle: Klara vergessen. – Hamburg: mare, 2020. – 304 Seiten

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Juri, geboren und aufgewachsen in Murmansk nördlich des Polarkreises, lebt sein halbes Leben bereits als Ornithologe in den USA. Seit er die Heimat verlassen hat, ist er nie wieder zurückgekehrt. Zu schrecklich sind die Erinnerungen an seine Kindheit.
Da erreicht ihn ein Brief der ehemaligen Nachbarin, bei der er als Kind mütterliche Zuwendung gefunden hat, als zu Hause rohe Gewalt herrschte. Sein Vater liege im Sterben und wünsche ihn zu sehen. Juri bricht auf, um den sterbenden Rubin ein letztes Mal zu sehen. Rubin, der ihm die Kindheit zur Hölle gemacht hat und einen echten Mann aus ihm machen wollte mit allen auch unvorstellbaren Schikanen. Rubin, der selbst eine solche Kindheit durchlebt hat, ohne Mutter aufgewachsen ist und gelernt hat, sich durchzusetzen – mit Gewalt. Der eine Karriere als bester Matrose eines Tiefseecrawlers hinter sich hat. Der sich sonst nur noch für den Alkohol und andere Frauen interessierte, nur nicht für seine eigene. Dieser sterbende Mann gibt Juri den Auftrag, nach Klara, seiner Mutter zu forschen, eine hochbegabte Wissenschaftlerin mit einer exzellenten Stellung, die irgendwann spurlos verschwand.
In Rückblenden nimmt der Roman an Fahrt auf und taucht tief ein in das Geschehen auf See, wo Rubin ausgebildet wurde, sich hocharbeitete und wo auch sein Sohn Karriere machen sollte. Beide werden im Lauf ihres Lebens zu Mördern. Weil sie sich gegen brutale Gewalt wehren. Juri, das feinsinnige Kind mit der Vorliebe, Vögel zu beobachten und diese immer weiter zu verfeinern, leidet unsäglich unter den rohen Bedingungen und der sklavischen Ausbeutung auf hoher See. Er leidet unter den Männern und einer Mutter, die zu schwach ist, um ihn zu schützen.
Ein anderer Erzählstrang geht der Frage nach Klaras Verschwinden nach. Juri folgt ihrer Spur und weiß am Ende, warum und wo sie den unbekannten Teil ihres Lebens verbracht hat. Auch sie war roher Gewalt ausgesetzt, wurde in einem Gulag als Arbeitskraft missbraucht, später als Wissenschaftlerin. Es geht um Uranvorkommen, es geht um Spionageverdacht und um Klaras Gewissen und ihren Mut, sich gegen das Regime zu wehren und ihre wissenschaftlichen Forschungen und Erfolge nicht in den Dienst dieses Staates zu stellen. Menschen wurden wegen viel geringerer Kleinigkeiten in Straf- und Arbeitslager gebracht, weil man kostenlose Arbeitskräfte benötigte.
Am Ende kann Juri verstehen, warum die Großmutter verschwand und der Großvater verzweifelte Gedichte an die Vermisste schrieb. Er hat seinen Familienfrieden gemacht und kann zu seiner Arbeit zurückkehren und zu seinem Mann, mit dem er sich ein neues Leben weit weg von allen Gräueltaten und Erinnerungen aufgebaut hat.

Tanja Schleyerbach

 

Fledermäuse zum Abendbrot

Curtis, Rye: Cloris. – München: C.H. Beck Verlag, 2020. – 352 Seiten

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Mit ein paar Karamellbonbons, einer Bibel, einem einzelnen Stiefel und ihrer Handtasche ausgerüstet irrt die 72-jährige Texanerin Cloris Waldrip durch die unbarmherzige Natur im Norden der USA. Gerade hat sie einen Flugzeugabsturz mitten in der Wildnis als Einzige überlebt, aber wird sie zurück in die Zivilisation finden? Rye Curtis erzählt Cloris Martyrium aus der ausschweifenden Ich-Persektive einer alten Frau, die zunächst nicht aus der Wildnis herausfindet und später nicht mehr weiß, ob sie noch zurück will in ihr altes Leben. Auf einer parallelen Erzählebene ist die Parkrangerin Debra Lewis auf der Suche nach der Vermissten. Auch ihr Leben ist aus dem Ruder gelaufen. Nach einer gescheiterten Ehe trinkt sie ununterbrochen Merlot aus der Thermoskanne, rutscht in eine bizarre Beziehung mit einem Mitglied des Suchteams und hört dauernd eine Psycho-Ratgebersendung im Radio. Nur die Suche nach Clovis gibt ihr Halt. Letztendlich wird sie die Vermisste nicht finden. Verlorene und Verlierer sind sie alle, die Protagonisten in diesem Roman und ohne Sentimentalität und voller Empathie zeichnet der junge Autor seine Figuren. Hier ergänzen sich Seelenbetrachtung und Naturbeschreibung mit Komik aufs Schönste.
Spannend, ungewöhnlich, lesenswert, aber Achtung: Geben Sie sich nicht falschen Erwartungen auf ein schlichtes Abenteuerbuch hin. 

Andrea Däuwel-Bernd

 

Eiskalt!

McGuire, Ian: Nordwasser. – Hamburg: mare, 2018. – 302 Seiten

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Der junge irische Arzt Patrick Sumner heuert als Schiffsarzt auf dem Walfänger "Volunteer" an. Unter Kapitän Brownlee sticht die Volunteer in Richtung Arktis in See, wo sich die Mannschaft eine reiche Ausbeute erhofft. Die brutale Jagd, die strapaziöse Reise und die Gefahren des „Nordwassers“ bestimmen die Reise. Bis eines Tages der Schiffsjunge Joseph qualvoll ermordet wird. Sumner versucht den Mörder zu überführen und erkennt bald, dass nicht nur die Arktis eine lebensbedrohliche Gefahr für die Besatzung darstellt.
Die Erbarmungslosigkeit der Natur und die bedrückende Beschreibung menschlicher Abgründe werden eindrucksvoll erzählt - ein durchweg spannender, historischer Thriller!

Lisa Weber

 

Porträt eines großen Psychotherapeuten

Yaloms Anleitung zum Glücklichsein. – Regie: Sabine Gisiger. – Schweiz, 2014. – 1 DVD. – 78 Min.

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Was der Filmtitel verspricht, hält er nicht. Dafür das Kennenlernen eines sympathischen Ehepaares, das intensiv reflektiert und Rückschau hält. Sabine Gisiger hat Irvin David Yalom, US-amerikanischer Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Psychiater und Schriftsteller (Jahrgang 1931), und seine Frau Marylin in einem ruhigen Filmporträt eingefangen. Als bedeutendster Vertreter der existenziellen Psychotherapie und Vater von vier Kindern, ist die Sicht der Kinder auf den Vater und die Eltern besonders spannend. Alle vier sind geschieden und praktizieren damit ein Gegenmodell zur lebenslangen Ehe ihrer Eltern. Sie sind traurig über das Scheitern ihrer Beziehungen. Ihre Eltern haben sie als unzertrennlich erlebt, das Band zwischen den beiden ist stärker als das zu ihren Kindern. Yaloms kluge Frau lässt die weibliche Seite dieser Ehe lebendig werden.

Der Zuschauer erlebt Yalom in Einzel- und Gruppentherapiesitzungen sowie in Reflexionen über sein Leben, seine Beziehung und über das Leben im Allgemeinen. Immer wieder kreist er um die Frage, wie man ein glückliches Leben führt und alte familiäre Muster durchbricht. Seine Gruppentherapien sind wie im Lehrbuch gruppendynamisch und reflektiv. Yaloms Neugierde und Offenheit ist ansteckend und macht Lust auf seine Bücher.

Tanja Schleyerbach

 

Täglich eine neue Spur

Turton, Stuart: Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle. – Stuttgart: Tropen, 2019. – 604 Seiten

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England in den 1920er-Jahren: Familie Hardcastle veranstaltet zur Rückkehr ihrer Tochter Evelyn auf ihrem Anwesen Blackheath einen Maskenball. Kurz bevor die Nacht endet, wird Evelyn getötet -  doch nicht nur einmal. Der geheimnisvolle Tod wiederholt sich Tag für Tag, bis der Mord aufgeklärt wird.
Aiden Bishop macht sich auf die Suche nach dem Täter, doch er erwacht jeden Tag im Körper eines anderen Gastes des Balls. Um diesem Schicksal und Blackheath zu entkommen, muss er das Rätsel lösen. Aber irgendjemand scheint ihn daran hindern zu wollen.

Stuart Turton schafft mit diesem Debüt eine komplexe und spannende Handlungsatmosphäre. Die Leserschaft wird in das Rätsel hineingezogen und durch überraschende Plottwists wird bis zum Ende die Spannung aufrechterhalten.

Margaux Haun

 

Dramatische Vater-Sohn-Geschichte

Babai. – Regie: Visar Morina. – Deutschland, 2016. – 1 DVD. – 104 Min.

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Im Kosovo der Neunzigerjahre lebt der 10-jährige Nori mit seinem Vater und verkauft Zigaretten. Die Mutter hat die beiden verlassen, und der Vater möchte nach Deutschland fliehen – ohne Nori. Den lässt er mit einer Kopfverletzung im Krankenhaus zurück. Doch so einfach macht es Nori seinem Vater nicht. Er folgt ihm bis zum Bus, klammert sich verzweifelt an ihn – seine einzige verbliebene Bezugsperson (außer der Familie seines Onkels) lässt er nicht kampflos gehen. Und doch muss der Junge zusehen, wie sein Vater ohne ihn abfährt. Es sind Existenz- und Verlustängste, die den zurückgelassenen Nori das Gewehr und Geld seines Onkels stehlen lassen, um damit alleine die Flucht nach Deutschland zu wagen. Sie gelingt. Seine Wut auf den Vater ist unermesslich. In einem Restaurant schüttet er ihm die Cola ins Gesicht, und bei anderer Gelegenheit schlägt er ihn mit all seinen Kräften. Sein Vater darf Nori nicht in die Flüchtlingsunterkunft im Ruhrgebiet bringen, und so schmuggelt er ihn heimlich hinein. Er ist ein Getriebener, auch er bekommt Wutanfälle, die er am Gitter der Unterkunft mit aller Gewalt auslässt. Es zieht ihn weiter nach Holland. Hier endet der Film: In starken, langsamen Bildern mit dezenter Musik wird das Schicksal der beiden, ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis und der Wille Noris, seinem Vater ohne Angst vor Gefahren überallhin zu folgen, eindrücklich dargestellt. Sehr aktuell.

Tanja Schleyerbach

 

Kinderdetektive erklären das arme Indien

Anappara, Deepa: Die Detektive vom Bhoot-Basar. – Hamburg: Rowohlt Verlag, 2020. – 398 Seiten

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Der neunjährige Inder Jai lebt mit seiner Familie in einer Hütte im Slum, nicht weit von den Hochhäusern der Mittelschicht. Er liebt Polizei-Dokus und träumt davon, ein Detektiv zu werden. Als ein Junge aus seiner Klasse verschwindet, beschließt Jai, ihn zusammen mit seinen Freunden Pari und Faiz zu suchen. Die Kinder wagen sich in den Bhoot-Basar und in die verbotenen Viertel der Stadt. Doch mehr Kinder verschwinden, und die Dinge in der Nachbarschaft werden zunehmend kompliziert. Was wie eine Detektivgeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem spannenden, emotionalen und tragischen Gesellschaftsroman. Umweltverschmutzung, soziale und religiöse Spannungen, Korruption und Ungerechtigkeit, Armut und Aufstiegshoffnungen sind das große Thema. Deepa Anapparas Roman wird durch Jais kindlich naive Beschreibung seiner Umwelt zu einer Sozialstudie der indischen Unterschicht. Erzählt voller Humor und Charme und doch mit einem ernsten und wahren Hintergrund.
Unbedingt lesen!

Andrea Däuwel-Bernd

 

Das familiäre Grauen

Dieudonné, Adeline: Das wirkliche Leben. – München: dtv, 2020. – 238 Seiten

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Diese Lektüre ist nichts für Zartbesaitete. Das mit 14 Literatur­preisen dotierte und in 20 Sprachen übersetzte Erstlingswerk der französischen Autorin zieht mich von der ersten Seite an in seinen Bann. Es ist früh zu ahnen, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird. Aber was zwischen Seite 1 und 238 geschieht, darauf kann man gespannt sein. Es ist der Blick in die Kindheit der namenlosen Protagonistin, 10 Jahre alt, und ihres sechsjährigen Bruders Gilles.
In der Reihenhaussiedlung einer französischen Kleinstadt wachsen die beiden im größten der gleich aussehenden Häuser mit ihrem tyrannischen und machtbesessenen Vater und ihrer verängstigten Mutter auf, die das Mädchen als „Amöbe“ bezeichnet. Sie lebt ein gebrochenes Leben und wird in regelmäßigen Abständen von ihrem Mann, der am liebsten und mit großer Leidenschaft Tiere erlegt, krankenhausreif geschlagen. In einem Zimmer mit toten Tieren befindet sich eine ausgestopfte Hyäne, deren Lachen immer zu hören ist, wenn es besonders schlimm wird. Die Kinder wachsen in einer Atmosphäre der ständigen Angst und Bedrohung vor rohen Gewaltausbrüchen auf. Das Mädchen liebt und beschützt ihren kleinen Bruder auf mütterliche Weise nachts im Bett, es spielt mit ihm auf dem Autofriedhof und geht jeden Abend mit ihm zum Eismann, der sich mit Tschaikowskis Blumenwalzer ankündigt. Bis eines Tages etwas Unvorstellbares geschieht. Ab diesem Tag ist nichts mehr, wie es zuvor war.
Das Mädchen entwickelt sein naturwissenschaftliches Talent, das vom Vater verhöhnt wird, und nimmt Babysitterjobs an, um heimlich einen Professor zu bezahlen, mit dessen Hilfe sie eine Zeitmaschine entwickeln möchte. Sie träumt davon, mit Gilles in die Zeit vor diesem Ereignis zu reisen und trifft die Vorbereitungen dazu auf dem Autofriedhof. Die Zeitreise plant sie, damit Gilles wieder lachen kann wie als Sechsjähriger und sein „Geschmeiß“ im Gehirn wieder verschwindet. Sechs Jahre lang kämpft sie für das Überleben der Familie, ehe in ihr der Wille erstarkt, sie auszulöschen. Gilles entwickelt sich derweil zu einer ähnlichen Bestie wie sein Vater. Bald gibt es keine Katzen mehr in der Gegend. Hunde verschwinden. Eine Ziege der leidenschaftlich gärtnernden und tierlieben Mutter wird brutal getötet. Statt auf Tiere organisiert der Vater mit seiner Jagdclique eine nächtliche, menschenverachtende Hatz auf das Mädchen. Auch sie ist inzwischen Freiwild für die Gewalttätigkeiten des Vaters geworden. Sie ist klug und auf der Hut und riecht jede Gefahr, wie ihr inzwischen arbeitslos gewordener Vater jeden Verrat erschnüffelt. Ihm ist nicht mehr zu entkommen. Sie sieht den kleinen, verletzten, vaterlos aufgewachsenen Jungen in ihm. Einen Funken Menschlichkeit kann das Mädchen noch in den Augen des Bruders erkennen. Sie spürt, dass sehr tief in ihm verschüttet noch Liebe für sie pocht. Die Schlinge zieht sich immer enger. Das älter gewordene Mädchen hat freiwillig Sex mit einem erwachsenen Mann und wird von seinem Vater dabei beobachtet. In dieser Situation kommt das Mädchen seiner leise aufbegehrenden Mutter zum ersten Mal nahe und sieht in ihr eine Verbündete. Der Showdown steht bevor. Jemand wird sterben müssen.

Schleichend, von Seite zu Seite, erhöht Adeline Dieudonné die Spannung. Mit voller Wucht und vor dem Hintergrund der Attentate von Brüssel bricht sich ihre einzigartige Sprache die Bahn und fesselt bis zur letzten Seite.

Tanja Schleyerbach