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Empfehlungen März 2021

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen


 

Kommunikation ist alles: Ein Blick hinter die Kulissen der Meinungsmacher

Callies, Sebastian: Deutungshoheit: die Muster der Meinungsmacher. – Göttingen: Business Village, 2020. – 192 Seiten

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Täglich erleben wir in den Medien, wie sich bekannte Persönlichkeiten präsentieren und ihre Ziele verfolgen. Sie üben Einfluss aus und bilden Meinungen. Aber wie machen sie das? Mit welchen Mitteln arbeiten sie? Wie gelingt es der unbekannten Schülerin Greta Thunberg eine weltweite Bewegung zu begründen? Wie kommuniziert Angela Merkel mit der Bevölkerung?
Sebastian Callies analysiert in seinem Buch die Sprache und Kommunikationsmuster verschiedener Zeitgenossen wie Elon Musk, Donald Trump oder Banksy. Nicht zuletzt zeigt der Autor dem Leser, wie er selber diese Muster und Methoden nutzen könnte, aber auch, wie er sich vor Manipulationen schützen kann.
Er schreibt fundiert, spannend und verständlich. Ein unterhaltsames Buch zu einem gesellschaftlich relevanten Thema.

Maria Weber

 

Eine andere Art, „in der Welt zu sein“

Kogi. Wie ein Naturvolk unsere moderne Welt inspiriert. – Saarbrücken: Neue Erde, 2019. – 270 Seiten

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„Das Höchste, was man erwarten kann, ist, Menschen an das zu erinnern, was sie schon immer wussten.“   (Platon)

Die Kogi sind ein indigener Stamm, der in den Bergen Kolumbiens nahe der Karibikküste lebt. Der Stuttgarter Lucas Buchholz wurde von den Kogi eingeladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Kultur der Kogi ist geprägt von Gewaltlosigkeit, Nachhaltigkeit, Meditation, Ehrung der Ahnen, Befragen von Orakeln und Ausgleich bei allem, was sie von der Erde entnehmen oder beim Gütertausch. Sie sehen sich als spirituelle Ratgeber und beziehen in ihren Ausgleichs­zeremonien immer die gesamte Welt und den Kosmos mit ein.

Die Kogi beobachten die Menschen der übrigen Welt sehr genau und sehen die Grenzen, an die diese stoßen in vielen Bereichen: gesellschaftlich, sozial, wirtschaftlich, kulturell und im persönlichen Leben jedes Einzelnen. Sie haben sich entschlossen, zu ihren „jüngeren Geschwistern“ zu sprechen, um ihnen von ihrer Art, in der Welt zu sein, zu berichten und Lösungsansätze anzubieten. Sie legen Wert darauf, dass die Lösungen zum jeweiligen Problem passend und von den Menschen selbst entwickelt werden.

Die Kogi denken alles in großen Zusammenhängen: Jede Trennung von Bereichen führt zu Spaltung und Konflikten und macht ein einvernehmliches Handeln unmöglich. Die Abwesenheit von Kontakt zur Ordnung des Lebendigen und dem Gesetz des Ursprungs führt aus ihrer Sicht in den Zustand des Ungleichgewichts und Unfriedens. Sie leben im Einklang mit sich, weil sie andere Menschen nicht kritisieren, auch wenn sie selbst der Meinung sind, dass diese die Gesetze des Lebendigen und der ursprünglichen Ordnung brechen. Die Kogi leben Gewaltfreiheit, indem sie die Spirale von Gewalt durchbrechen und darauf verzichten, Unrecht mit Unrecht zu vergelten. Stattdessen übergeben sie ihre Gedanken und alles Negative den „Mamos“ und gebieten somit einer weiteren Fortsetzung von Konflikten Einhalt. Mit ihren Emotionen gehen sie reflektiert um und bringen sie in der Gruppe zur Aussprache. Ihren Kindern stellen sie schon früh praktische Aufgaben und lassen sie selbstständig eigene Lösungen entwickeln.
 
Lucas Buchholz hat ein eindrückliches Buch über ein Volk geschrieben, das in vielen Bereichen zum Nachdenken anregt und Alternativen zu unserer Art, „in der Welt zu sein“ aufzeigt.

Tanja Schleyerbach

 

Spannende Jagd auf Romanfigur

Parry, H. G.: Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep. – Heyne Verlag, 2020. – 608 Seiten

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Schon sein ganzes Leben lang hat der ebenso liebenswerte wie chaotische Literaturdozent Charley Sutherland versucht, seine einzigartige Begabung vor der Welt zu verbergen: Er kann Figuren aus Büchern zum Leben erwecken! Das ist toll, wenn es sich dabei um Puuh den Bären handelt und kompliziert, wenn plötzlich der Hund der Baskerville in deinem Vorgarten sitzt. Nur Charleys Bruder Rob weiß von seiner Gabe. Deshalb läuten bei dem etwas biederen Anwalt auch sämtliche Alarmglocken, als er eines Nachts einen Anruf von Charley erhält und dieser ihm gesteht, er habe Uriah Heep, den Schurken aus Charles Dickens’ Meisterwerk »David Copperfield«, freigelassen. Und der hat nichts Geringeres im Sinn als das Ende der Welt. Gemeinsam versuchen Charley und Rob, Uriah zurück in den Roman zu verbannen, bevor er größeres Unheil anrichten kann. Doch dabei stoßen sie auf ein dunkles Geheimnis...
Dieser Roman für Bücherliebhaber ist von der ersten Seite an spannend. Obwohl die ein oder andere Wendung tatsächlich voraussehbar ist, gibt es andere mit denen niemand rechnen konnte. Die sympathischen Helden holen den Leser ohne eine Forderung an literarische Vorkenntnisse ab und auch der Spannungsbogen bleibt bis zur letzten Seite erhalten. Eine Empfehlung für alle, die gerne in Geschichten und Bücher eintauchen. Auch wenn man noch nichts von Charles Dickens gelesen hat, anschließend will man garantiert direkt damit beginnen!

Lisa Floto

 

24 Stunden

Sidebottom, Harry: XXIV – Jagd durch Rom. Roman. – Köln: Bastei Lübbe, 2019. – 398 Seiten

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Jack Bauer in „24 Stunden“, wer kennt noch die Kultserie? Das alles – nur im Alten Rom. 24 Stunden hat auch Marcus Clodius Ballista, um den Imperator zu retten vor einem Attentat. Bis dahin: rasante Actionszenen, viele Feinde, harte Kämpfe, blutige Verfolgungsjagden durch die Straßen Roms im 3. Jahrhundert nach Christus. Heldentum, Verrat, unerwartete Wendungen, viel Zeitkolorit. Ein spannender Thriller und Pageturner vor historischem Hintergrund für alle, die gerne Abenteuerliches à la Bernard Cornwell lesen.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Dunkle Seiten

The Cleaners: im Schatten der Netzwelt. / Regie: Hans Block, Moritz Riesewick. – D, 2018. – 1 DVD. – 88 Min.

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Sie müssen alles sehen, was wir nicht sehen wollen. Das Internet bietet unbegrenzte Möglichkeiten, aber es ist auch eine Sammelstelle für Gewalt, Pornografie und Hetze. Der Dokumentarfilm widmet sich der Arbeit der Menschen, die diese Inhalte in den sozialen Netzwerken sichten und löschen. Nicht selten traumatisieren diese Bilder und Videos die „digitalen Aufräumer“. Keine leichte Unterhaltung, aber eine gelungene Dokumentation eines hochaktuellen Themas, das die Schattenseiten des World Wide Webs aufzeigt.

Lisa Weber

 

Englische „Schlager“ des 17. und 18. Jahrhunderts

The Queen’s delight : English songs and country dances of the 17th and 18th century / Les musiciens de Saint-Julien, Francois Lazarevitch.  – Paris: Alpha, 2020. – 1 CD. –

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Das Ensemble „Les musiciens de Saint-Julien“ mit seinem Leiter Francois Lazarevitch nehmen uns auf dieser CD mit auf eine spannende musikalische Reise ins 17. und 18. Jahrhundert in England. Eingespielt wurden Balladen und Kontertänze, welche zur damaligen Zeit quer durch alle Gesellschaftsschichten sehr beliebt waren. Viele der Melodien haben einen volksmusikalischen Ursprung und finden sich in der von John Playford begründeten Sammlung „English dancing master“. Aber auch Lieder, welche Henry Purcell zugeschrieben werden, finden ihren Platz auf dieser CD.
Zur damaligen Zeit wurden viele der bekannten Melodien für Tänze benutzt und umgekehrt, wurden Tanzweisen mit Texten unterlegt. Diesen Umstand machten sich auch Lazarevitch und sein Ensemble zu eigen. Sie improvisieren mit viel Freude und Temperament über diese Melodien. Die insgesamt 16 „Ohrwürmer“ werden dabei mit Instrumenten aus der Zeit interpretiert: Violine und Viola (mit Darmseiten), Harfe, Flöte, Hackbrett, Laute, Cister, Gambe und Schlagwerk. Hinzu kommen die Sänger Fiona McGown und Enea Sorini. So ist eine wunderschöne, energiegeladene und mitreißende CD entstanden, die in die Beine geht und einfach schön zum Anhören ist.

Barbara Glaser

 

Kabinettstückchen

The Party. / Regie: Sally Potter. – D, 2017. – 1 DVD. – 71 Min.

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Die englische Politikerin Janet will ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett feiern. Freunde und Mitstreiter treffen zur Party im eleganten Londoner Stadthaus ein. Küsschen hier, Komplimente da, dazwischen kleine Sottisen, es soll ja ein angenehmer Abend werden. Aber dann platzt ihr Ehemann Bill mit einem brisanten Geständnis heraus und die Party läuft mächtig aus dem Ruder. Denn auch die anderen Gäste haben so ihre Geheimnisse.
Beziehungen, Freundschaften, politische Überzeugungen und Lebensentwürfe werden durch die Mangel gedreht. 71 Minuten reiner britischer und sehr schwarzer Humor, der die Upper Class Großbritanniens genüsslich zerlegt. Temporeiche Komödie mit tollen Schauspielern wie Bruno Ganz, Kristin Scott Thomas, Timothy Spall, Patricia Clarkson, Cherry Jones, Emily Mortimer und Cillian Murphy. In deutscher Sprache eine Freude, auch in Englisch ein Genuss.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Bewegende Lebensgeschichte eines „Gastarbeiterkindes“

Baha Güngör / Lale Akgün: Hüzün… das heißt Sehnsucht. Wie wir Deutsche wurden und Türken blieben. – Bonn: Dietz, 2020. – 229 Seiten

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„Dieses Buch ist eine Sammlung von Sehnsüchten, unerfüllten Hoffnungen und dennoch nicht aufgegebenen Erwartungen an die künftigen Generationen.“
Baha Güngör (1950-2018) hat ein humorvolles und nachdenklich machendes autobiografisches Buch geschrieben. Als 11-Jähriger ist er aus Istanbul nach Alemanya ins Rheinland gezogen. Baha wird ein karnevalsjecker, fußballbegeisterter „kölsche Jong“ und der erste türkischstämmige Volontär Deutschlands. Er macht international Karriere bei vielen Zeitungen und Nachrichtenagenturen. Als kritisch reflektierender, jahrzehntelanger Grenzgänger zwischen der Türkei und Deutschland lässt er seine Leser teilhaben an beruflichen Bemühungen, Erfolgen und auch am Scheitern seiner Ziele. Gleichzeitig nimmt Güngör den Leser mit auf seine immer im Aufbruch begriffene Lebensreise, gibt spannende Einblicke in den Journalismus und – anhand von Begegnungen mit Politikern – in die Zeitgeschichte der Bundesrepublik wie auch der Türkei. Aber auch sein Temperament, seine Lebensgewohnheiten und seine beiden „Herzen“, die sein Leben lang im Widerstreit liegen, werden anschaulich geschildert.

Nach der Lektüre versteht man besser, dass Integrationsbemühungen selbst der willigsten Einwanderer am latenten und oft unbewussten Rassismus scheitern können. Es macht auch traurig, dass Güngör, der sich voll und ganz auf die deutsche Heimat einlässt, mehr und mehr Enttäuschungen durchlebt, die ihn wiederum in der Türkei das suchen lassen, was er in Deutschland schmerzlich vermisst. Kaum ist er in der Türkei, fehlt ihm der deutsche Teil seines zerrissenen Lebensgefühls. Hüzün, ein Lehnwort aus dem Arabischen, bedeutet so viel wie das Gefühl eines schmerzlichen Verlusts.
Am Ende seines Lebens kämpft er gegen den Lungenkrebs. Seine ihn seit 56 Jahren begleitende Weggefährtin und Freundin, die Politikerin Lale Akgün, bringt sein Buch zu Ende, indem sie Gespräche mit ihm führt und auf seine Lebensthemen zurückblickt: auf die Identität, die Zugehörigkeit und das Fremdheitsgefühl in beiden Ländern, die Heimatsuche und die „sinnlose Migration“, die er nicht rückgängig machen kann.

Während der Lektüre habe ich viele Sätze gelesen, die mich berührt haben und mich besser verstehen ließen, was schiefgelaufen ist bei der Integration. Das Buch lässt den Leser erkennen: Wir alle bestimmen darüber, wie schnell und gut wir zu einer Gesellschaft zusammenwachsen, bei der die Herkunft eines Menschen keinen Unterschied macht.

„Was wissen wir Deutsche eigentlich über uns Türken? Baha Güngör weiß es.“ (Fatih Cevikkollu)

Unbedingt lesen!

Tanja Schleyerbach