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Empfehlungen Januar 2021

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen


 

Die Ruhe als Kraftquelle

Sjödin, Tomas: Warum Ruhe unsere Rettung ist. Stell dir vor, du tust nichts, und die Welt dreht sich weiter. – Stuttgart: SCM, 2019. – 186 Seiten

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„Das Lied der Vögel, ein Sonnenaufgang oder zwei ineinandergelegte Hände erreichen uns nur, wenn wir ruhig und ganz anwesend sind.“

Der schwedischer Pastor Tomas Sjödin nimmt eine Bequem­lich­keits­lüge, das schlechte Gewissen, Ruhe zu halten und das Sabbat­gebot der Bibel zum Anlass, um über Pausen­zeiten im Leben nach­zudenken. Der selbst rastlos Beschäftigte lässt die Ruhe in sein Leben ein und ex­peri­mentiert damit, wie es ist, einen eigenen Ruhe­tag in der Woche ein­zu­führen, der am Samstag­abend mit einem gemein­schaft­lichen Essen beginnt und bis Sonntag­abend andauert. Er nennt ihn den Null­meridian der Seele und sieht in ihm ein Schwung­rad für die kommende Woche. In dieser Zeit werden keine Aufgaben erledigt, die einer Pflicht unter­liegen. Dabei reist er zurück in die Kind­heit, zu seinen Groß­eltern und zu der alten Küchen­bank als Ort der Kontemplation. Er beschäftigt sich intensiv mit dem jüdischen Sabbat und den Feinden der Ruhe und macht die Erfahrung, dass in der Ruhe Dinge geschehen, die sich sonst nicht ereignen würden. Gedanken entwickeln sich, Lösungs­wege stellen sich ein, und Beziehungen werden neu aus­gelotet, weil sich in der Ruhe die Liebe versteckt. Sjödin und seine Familie lernen die Ruhe als Reifungs­prozess, spirituelle Quelle und Voraus­setzung kennen, um den Alltag zu bewältigen. Sie steht vor der Arbeit, nicht an ihrem Ende. Im Rück­blick kann er sich sogar ver­söhnen mit einer Ruhe, die er im Urlaub mit seiner Familie fand – und zu Hause starb sein schwer­kranker Sohn ohne Familie. Weil die Ruhe ihm die Kraft gibt, für andere Menschen da zu sein und aus­brennen niemandem hilft. Für alle Rastlosen und Eingespannten.

Tanja Schleyerbach

 

Bunter wird’s nicht

Apfel, Iris: Stil ist keine Frage des Alters. Accidental Icon. – Zürich: Midas Collection, 2020. – 173 Seiten

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Hier ist ein Sachbuch, das einfach nur erfrischend bunt und unterhaltsam ist. Iris Apfel ist eine amerikanische Unter­nehmerin, die auch als Modeikone bekannt wurde. Inzwischen 98 Jahre alt, führt sie ein abwechslungs­reiches Leben als Innen­architektin und Persön­lich­keit in der öffent­lichen Auf­merk­samkeit. Mode und die Liebe zu Stoffen sind ihr Leben. Humor­voll nimmt sie es, dass sie in hohem Alter zur Stil­ikone und sogar in Deutschland mit einem Spiegel-Cover bekannt wurde. Ein Buch über ihr Leben, ihre Ansichten und ihre Vorlieben, voller Geschichten aus ihrer Kind­heit in New York, Weis­heiten und Erfahrungen, vielen bunten Fotos aus Vergangen­heit und Gegen­wart, Styling und Shopping­tipps. Eine Auto­biographie einer Frau, die ihr Leben unkonven­tionell, klug und neugierig lebt. Ein nettes Lese­häppchen für zwischen­durch, bunt und stylisch gestaltet, das Laune macht. Für alle, die das Extra­vagante lieben, ein „Must Read“.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Von winkenden Eichhörnchen und anderen Lebensfragen

Decker, Anika: Wir von der anderen Seite. Roman. – Berlin: Ullstein, 2019. – 381 Seiten

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Die Drehbuchautorin Rahel Wald erwacht nach einem Organ­versagen aus dem Koma im Kranken­haus. Mit der Unter­stützung ihrer Familie versucht sie sich körper­lich und psychisch von den Strapazen und Medikamenten zu erholen. So schnell wie möglich soll alles wieder so sein wie früher in ihrem „alten Leben“. Doch dass das vielleicht nicht immer das Beste sein muss, erkennt sie nach und nach.
Anika Decker ist selbst erfolg­reiche Dreh­buch­autorin deutscher Liebes­komödien wie „Zweiohrkühen“. In ihrem Roman­debüt schafft sie es gekonnt, traurigen und bitteren Szenen einen komischen Touch zu verleihen, ohne dabei albern zu werden. Eine humorvolle Geschichte mit Tiefgang und liebens­werten Dialogen. Ein Buch, das Mut macht!

Lisa Weber

 

Krimizeit: Krawallschachtel in Aktion

Mercedes Rosende: Falsche Ursula. – Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. – Zürich: Unionsverlag, 2020. – 208 Seiten

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Einen Preis für die unsympathischste Prota­gonistin würde die dicke Ursula Lopez, die Haupt­person in dem Krimi „Falsche Ursula“ auf jeden Fall gewinnen. Sie ist eine miss­gelaunte Krawall­schachtel, die voyeuristisch ins Leben anderer eindringt, auf ihre Mit­menschen neidisch ist und boshaft ihrer schlechten Laune frönt. Miss­günstig ist sie auch auf ihre Schwester, die im Reichen­viertel das angenehme Leben einer Luxus­ehefrau führt. Ursula dagegen, die allein­lebende Über­setzerin in Montevideo, hat reichlich Probleme: zu arm, zu allein, zu kurz­atmig, zu fett. Frustriert verfolgt sie das Sexleben der Nachbarn und lässt ihren Gefühlen als Statistin in einer Thrash-TV-Show freien Lauf. Ihr halb­herziger Kampf gegen das Über­gewicht ist von vorne­herein zum Scheitern ver­urteilt. Schlichtweg ein jämmer­liches Dasein, findet sie. Das ändert sich mit einem Anruf: „Wir haben Ihren Ehemann“, heißt es. Ursula trifft sich mit dem Ent­führer und verhandelt über die Lösegeld­forderung. Nur dumm, dass sie gar keinen Ehemann hat. Und so nimmt eine herrlich schräge Kriminal­story ihren Lauf. Die Autorin lässt sich viel Zeit, bis der Kriminal­fall ins Rollen kommt. Aber gerade die ausführ­liche Beschreibung von Ursulas Leben – voll schwarzem Humor, Sarkasmus und bösen Einsichten – macht das Buch wunderbar unterhaltsam.
Für alle, die ungewöhnliche Krimis lieben.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Humor kommt nicht zu kurz

Das innere Leuchten. / Regie: Stefan Sick. – D, 2019. – 1 DVD. – 95 Min.

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„Herz und Seele kennen keine Demenz.“   Ulrike Hafner

Das Gradmann Haus in Stuttgart-Kaltental wurde 2001 als eine der ersten Ein­richtungen für Menschen mit einer dementiellen Erkrankung bundes­weit eröffnet. Dieser Film begleitet betagte Menschen durch ihren Alltag in einer stationären Wohn­gruppe. Er bewegt sich dezent beobachtend – ohne Interviews oder Kommentare – auf der Station und kommt den Menschen damit nahe, wird ihrer Krank­heit gerecht. Persön­lich­keiten mit einer leb­haften Gefühls­welt leben in dieser Wohn­gruppe zusammen. Ob ein Mensch in der Grund­stimmung melancholisch oder lebens­froh, musikalisch oder ander­weitig begabt ist, muss keine Frage des Alters oder der Krank­heit sein. Singend oder dirigierend kann man auch mit Demenz im hohen Alter seinen Tag ver­schönern. Auch die pflegenden Angestellten werden in ihrer Geduld, Wert­schätzung und Freund­lich­keit wahr­genommen. Es ist kein trauriger Film geworden, bisweilen muss man herzhaft lachen, wenn der Humor der Bewohner/-innen oder Pflege­kräfte durch­blitzt oder manche Situationen unfrei­willig komisch wirken. Auch wenn man die Krankheit nicht immer verstehen kann, so schafft der Film doch ein Verständnis für die betreuten Menschen, das sie in ihrer ganz eigenen Lebenswelt wahrnimmt.

Tanja Schleyerbach

 

Liebe oder Karriere

Mario, folgst du deinem Herzen oder spielst du nach den Regeln? / Regie: Marcel Gisler. – Frankfurt, 2018. – 1 DVD. – 119 Min.

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Mario liebt Fußball – und Leon. Leon aus Hannover ist der Neue im Team. Wie Mario ist er ein talentierter Fußballer und träumt von einer Karriere als Profi. Die zwei teilen sich eine Spieler­wohnung, verstehen sich gut und…  Ja, alles könnte so schön sein, wenn nicht im Fußball alles noch ein bisschen homophober und verklemmter wäre als sowieso schon. Macht etwas traurig, weil‘s einfach unfair ist. Authentisches Drama, hervorragend gespielt von sympathischen Schauspielern.

Andrea Bässgen

 

Zwei Männer, eine vielleicht tote Frau und ein Phantom

Price, Steven: Die Frau in der Themse. – Zürich: Diogenes, 2019. – 915 Seiten

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Das ist ein Buch für Genießer – obwohl es im nebligen, kalten, dreckigen London des Jahres 1885 spielt. Ein Buch für den Herbst und Winter, wenn draußen alles düster ist und drinnen die Welt auf 915 Seiten zusammen­schmelzen darf. Ein Buch für lange Abende und lesend durch­wachte Nächte. Wenige Bücher will ich zweimal lesen. Das erste Mal, um zu erfahren, wie die Geschichte ausgeht, das zweite Mal, um die Kulisse, Atmosphäre, Sprache, Komplexität der Geschichte zu genießen. Dieses aber ist eine dieser seltenen Entdeckungen. Zwei Männer sind auf der Suche nach einem Mörder und einer ge­heim­nis­vollen Frau. Im London des Jahres 1885 rauchen die Schorn­steine der Industrialisierung, soziales Elend trifft auf viktorianische Bürger­lich­keit, die Stadt liegt in grauem Nebel. Und in Südafrika und im amerikanischen Sezessions­krieg beginnt die Geschichte. Die beiden Männer – William Pinkerton, berühmter Detektiv aus Amerika, und Adam Foole, Gentleman-Dieb mit gebrochenem Herzen – verbindet mit der skrupel­losen und schönen Charlotte Reckitt ein Geheimnis. Spannender, anspruchs­voller und atmosphärischer Mystery­thriller für alle, die Sherlock Holmes-Romane und -filme lieben.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Spannendes Gesellschaftsporträt aus Syrien

Rafik Schami: Die geheime Mission des Kardinals. – München: Carl Hanser Verlag, 2019. – 430 Seiten

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Krimi – Liebesgeschichte – Gesellschafts­kritik – Zeit­geschichte. Der neue Roman von Rafik Schami ist eine gelungene Mischung aus allem, höchst unterhaltsam zu lesen und zeitlich vor dem syrischen Bürgerkrieg anberaumt.
Die italienische Botschaft in Damaskus erhält ein Fass Olivenöl mit der Leiche eines Kardinals an­ge­liefert. Der Italiener war zu Gast in der Botschaft, bevor er in den Norden Syriens aufbrach, um eine geheimnis­volle Mission zu erfüllen.
Gemeinsam mit seinem italienischen Kollegen Mancini gelingt Barudi die Lösung seines letzten spektakulären und verschlungenen Falles über viele Ecken und Wendungen, doch die beiden müssen nach erfolg­reicher Arbeit am Ende erkennen, dass Gerechtig­keit in Syrien am Vorabend des Krieges nicht durch­zusetzen und ihre akribischen Ermittlungen höchst unerwünscht sind. Wir erfahren die sehr persön­lichen und geheimen Gedanken und Reflexionen Barudis in seinen immer wieder einge­schobenen Tage­buch­aufzeichnungen und tauchen ein in die Fein­heiten und Gewohn­heiten der syrischen Gesellschaft.
Sprachlich und inhaltlich brillant verknüpft Schami in arabischer Erzähl­tradition Spannung, Unter­haltung und Zeit­kritik. Unbedingt empfohlen!

Tanja Schleyerbach