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Empfehlungen Mai 2020

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen

   


 

Meinungsbildung!

Horaczek, Nina; Wiese, Sebastian: Gegen Vorurteile. – Wien: Czernin Verlag, 2017. – 277 Seiten

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„Schrankenlose Freiheit gibt es nicht – auch nicht für Meinungen“. Dies wird im Buch „Gegen Vorurteile“ von Nina Horaczeks und Sebastian Wiese beispiels­weise anhand des Kapitels „Die Auschwitzlüge“ erläutert. Aber auch andere Behauptungen, wie etwa „Ausländer kosten und nehmen uns die Arbeits­plätze weg“ oder „Das Kopftuch ist ein politisches Symbol“, werden sehr differenziert überprüft und entkräftet. Obwohl die hierfür verwendeten Statistiken aus Deutschland und Österreich nicht ganz aktuell sind (das Buch ist bereits 2017 erschienen), wird deutlich, wie ein kluger Umgang mit Zahlen und Fakten funktioniert, und welche Recherchen zur Meinungs­bildung notwendig sind. Ein Nachdenken über Fake News ist in diesem Buch von Nina Horaczeks und Sebastian Wiese natürlich inklusive, und vielleicht schafft es ja die Corona-Lüge in eine Neuauflage? „Gegen Vorurteile“ – ein wichtiges und für Jugendliche ab 14 sowie für Erwachsene empfohlenes Buch.

Jutta Zimmermann

 

Urkomisch erzähltes und hinreißend illustriertes Kinderbuch über die Zeit

Meike Haberstock: Anton hat Zeit, keine Ahnung, warum. – Hamburg: Oetinger 2015. – 108 Seiten

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„Alarmstufe 1 trat ein, wenn er mal wieder VIEL und Mama KEINE Zeit hatte. Je mehr Zeit er sich für etwas nahm, desto weniger hatte sie… Eigentlich müsste man Zeit doch zusammenrechnen können wie Murmeln.“
Keine Ahnung, warum die Erwachsenen keine Zeit haben. Und Mamili erst recht nicht, sie ist ein ganz und gar hoffnungs­loser Fall. Für Anton, der alleine mit seiner Mamili lebt, ist das ein großes Rätsel. Er sieht sie ständig zwei oder mehr Dinge gleich­zeitig tun. Alleine morgens muss sie acht Dinge tun, bevor die beiden in unter­schied­lichen Tempi das Haus verlassen. Manchmal ist nicht einmal mehr Zeit zum Beeilen. Er hingegen seift sich während Mamilis morgend­licher Erledigungen ausgiebig und hin­gebungs­voll ein, malt sich einen Fuß passend zum Farbtag mit Wasser­farben an und beißt sich ein Hasenbrot zurecht. Manchmal wäscht er die Wäsche auch in der Spülmaschine. Anton muss anschließend erfahren, dass es verschiedene Alarm­stufen bei Mama gibt. Und erleichtert fest­stellen, dass Opa und Anton alle Zeit der Welt haben.
Wir lesen Antons Geschichten vom bus­fahrenden Chamäleon, vom Kampf mit dem Mammut, vom Über-Dem-Gürtel-Tier, von einer Eichhörnchen­beerdigung und kommen letztlich dem Uhren­geheimnis auf die Spur.
Urkomisch sind die herrlichen Bilder und mitreißend humorvoll ist Antons Weltsicht, beides lockert die Bauch­muskulatur, und das Buch ist besonders Erwachsenen zu empfehlen, denen es spielerisch ein mehrere hundert Seiten umfassendes Zeit­management- oder Philosophie­buch ersetzen kann. Dieses Buch hat nur wenig mehr als 14.000 Wörter, und es zu lesen dauert in etwa so lange, wie man braucht, um alle Kuschel­tiere einzucremen und ihnen anschließend dabei zuzusehen, wie sie von Mamili in der Wasch­maschine gewaschen werden. Kein Wunder, dass die Autorin und Illustratorin von sich selbst sagt, dass sie sich am liebsten „rund um die Uhr Quatsch ausdenkt“.

Tanja Schleyerbach

 

Poweroma

Bronsky, Alina: Der Zopf meiner Großmutter. – Gelesen von Sophie Rois. – Roof Music/Tacheles (4 CDs). – 5 Stunden, 17 Minuten

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Die rauhe und doch so facetten­reiche Stimme von Schau­spielerin Sophie Rois hat mich gleich in ihren Bann gezogen, und so wurde das Hörbuch „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky für mich zum echten Hör­erlebnis. Über fünf spannende, lustige, sarkastische und gefühl­volle Stunden ohne eine Spur Langeweile waren garantiert. Um was geht es?
Max, Oma und Opa sind aus Russland aus­gesiedelt und leben jetzt im Flüchtlings­heim in Deutschland. Die Groß­mutter behütet ihren Enkel vor jedem wirklichen und erfundenen Staubkorn, was zu grotesken Situationen führt, der Großvater schweigt, der Enkel Max wundert sich über die Welt und kommt nach und nach den Geheim­nissen der Erwachsenen auf die Spur. Die Schau­spielerin Sophie Rois beherrscht beim Vorlesen all die Gefühls­nuancen der Großmutter: Besorgnis, Empörung, Hochmut, Verbitterung, Angeberei, Sorge und Verzweiflung. Und die Geschichte entwickelt sich zu einem spannenden Familiendrama.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Aufschrei im Wald

Marcus Pfister: Wer hat die Haselnuss geklaut? Eine Räubergeschichte. Zürich: Nordsüd 2019. – 28 ungezählte Seiten

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Ein Schrei gellt durch den Wald. Es ist das fassungs­lose Eich­hörnchen, das drei Nüsse vermisst. Wer ist der Dieb? Es könnte jeder sein. Der Maulwurf hat die Nüsse vielleicht in seinem Hügel versteckt, der Hamster in seinen dicken Backen. Die Maus, der Hase und der Fuchs werden ebenfalls verdächtigt. Alle Beteiligten bestreiten empört den Raub. Als der Fuchs dem Eich­hörnchen sagt, es solle endlich ver­schwinden, zieht sich dieses traurig zurück. Aber wo sind jetzt die Haselnüsse und sind sie wirklich gestohlen worden?
Das Bilderbuch hat wunderschöne Zeichnungen, die Erwachsene und Kinder gleicher­maßen verzaubern. Die Geschichte wird von Marcus Pfister in Reimen witzig erzählt und bietet gleich­zeitig Denk­anstöße für jedes Alter. Man sollte nicht immer gleich jemanden verdächtigen, sondern erst in Ruhe nachdenken.

Beate Reichmann

 

Die türkische Metropole und ihre Katzen

Kedi. Regie: Ceyda Torun. – Türkei/USA 2016. – 1 DVD. – 76 Minuten.

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Für einen heiter-entspannten Filmabend sorgen Istanbuls Katzen, in bezaubernden Bildern eingefangen von der türkischen Regisseurin Ceyda Torun. Es sind tausende: Eigenwillig, intelligent, anschmiegsam, unabhängig, räuberisch, kämpferisch, stolz und leise streifen die sieben freiheits­liebenden ausgesuchten Persönlich­keiten durch Istanbuls Straßen und verzaubern die Menschen, denen sie nicht gehören und die doch in einer Beziehung zu ihnen leben. Gleich­gültig lassen die Katzen kaum einen von ihnen, und wir lernen leiden­schaftliche türkische Männer kennen, die einige mit der Flasche groß­ziehen und mit Essens­tüten täglich Runden laufen, um die Straßen­katzen zu versorgen. Herz­erwärmend, tierisch und zugleich menschlich ist dieser Einblick in Istanbuls Leben und seine Bewohner. Ein Must-See für alle Katzen­liebhaber und Menschen, die es noch nicht sind.

Tanja Schleyerbach

 

Alte und neue Straßen

Deen, Mathijs: Über alte Wege. Eine Reise durch die Geschichte Europas. – Köln: DuMont 2019. – 415 Seiten

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Eine Bodenwelle ist Quelle für ein ganz besonders Vergnügen. Der Familien-2CV braust auf dem Weg zu Oma und Opa darüber und fliegt zur Freude der ganzen Familie sekunden­bruchlang gen Himmel, die Straße heißt E8. Eine jener Straßen, die Europa seit Jahr­tausenden durch­ziehen, und das Kindheits­erlebnis werden Inspiration für ein ganz besonderes Sachbuch. Denn Straßen spielen eine heimliche, aber unverzichtbare Hauptrolle in der Geschichte des Kontinents, denn seit der erste Mensch den europäischen Kontinent betrat, sind wir unterwegs. Viele alte Wege Europas entstanden infolge von Völker­wanderungen, Kriegen und Feld­zügen. Urzeit­liche Jäger und Sammler, die vom Süden aus bis in den obersten Norden vor­dringen, die Menschen der Völker­wanderungs­zeit, die auf der Suche nach neuen Siedlungs­gebieten kreuz und quer durch Europa ziehen, Wege­lagerer, die an den römischen Straßen nach Reisenden spähen, Glaubende, die – um des Seelen­friedens willen – von Island bis nach Rom pilgern, Verfolgte und Händler, Soldaten, Renn­fahrer und Migranten. Ihre Lebens­geschichten sind alle mit Straßen verbunden, und der nieder­ländische Autor Mathijs Deen hat sie auf­geschrieben und ein spannendes Konglomerat geschaffen. Eine Mischung aus Lebens­beschreibungen, literarischen Betrachtungen und Sachbuch, Fiktion ver­mischt sich mit historischen Fakten. Acht historisch verbürgte Lebens­schicksale hat er für sein Buch ausgewählt. Für alle, die gerne Biografien lesen.

Andrea Däuwel-Bernd