Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen

Medienempfehlung zum Tag der Kriegsdienstverweigerung am 15.05.2026
Ein Überblick über das Unausrottbare in der Geschichte der Menschheit
Carlo Masala: Warum die Welt keinen Frieden findet. – Sachbuch, 2025 – 118 Seiten
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»Paranoia strikes deep into your life, it will creep.«
Aus: “For What It’s Worth” von Buffalo Springfield
Der Professor für internationale Politik und Direktor des Center for Intelligence and security studies, Herausgeber von Zeitschriften und Inhaber weiterer Ämter, beschäftigt sich in der Reihe „Auf den Punkt gebracht“ in angenehm übersichtlicher und einfach verständlicher Weise mit dem Thema Krieg.
Auf 115 großzügig und ästhetisch gelayouteten Seiten erläutert er an aktuellen und historischen Beispielen, was Krieg ist, woran man ihn erkennen kann, wie er entsteht (individuell, gesellschaftlich und international), wozu er dient und wie wir ihn ggf. minimieren können. Dass die Menschheit schon immer Konflikte ausgetragen hat und auch in Zukunft nicht von der Kriegsführung lassen wird, daran lässt Masala keine Zweifel aufkommen. Er rät dringend, diese Tatsache zu akzeptieren und dafür, ihn besser zu verstehen zu lernen. Das helfe, ihm besser vorbereitet zu begegnen.
Für junge Menschen und Schüler/innen, die sich derzeit mit dem Thema Wehrdienst auseinandersetzen müssen, sehr gut geeignet, letztlich jedoch für alle hilfreich und ernüchternd, die sich in der Nachkriegszeit in Europa sicher im Wohlstand und im Frieden wägten.
Tanja Schleyerbach
Medienempfehlung zum Tag der Biografen am 16.05.2026
Sehr persönlicher Einblick zu Abschieden eines Medienschaffenden
Klaus Brinkbäumer: Zeit der Abschiede. Sieben Jahre des Loslassens und Wiederfindens. – Sachbuch, 2025 – 207 Seiten
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Der ehemalige Spiegelchefredakteur, MDR-Programmdirektor und Tausendsassa Klaus Brinkbäumer hat ein bemerkenswertes und sehr persönliches Buch über Abschiede geschrieben. Er gibt Einblick in sieben Jahre seines Lebens (2018 bis 2024), in denen berufliche und menschliche Abschiede ihn immer wieder fordern und seinem Leben neue Wendungen und Nachdenklichkeit bringen. Nur widerwillig lässt er los, und darin kann man sich als Leser/in unglaublich gut wiederfinden. Die Aufzeichnungen sind nicht linear, sondern wechseln zwischen den Jahren. Sie nehmen mit in Fragen warum Netze reißen und Vertrauen zerbricht, was wirklich wichtig ist im Leben, schildern die Geburt seines Sohnes, das Zusammenleben mit seiner Frau, die Zeitlosigkeit mit einem Neugeborenen, die Schwierigkeiten der Coronazeit und der Verlust beider Eltern. Immer wieder ist die Trennung vom Spiegel Thema, seine „Familie“, die darauffolgende „Flucht“ nach New York für zwei Jahre, er deutet den Abgang als Programmchef des MDR an und geht auch allgemein auf Verluste ein, tägliche, schmerzhafte, die dazu führen können, ganz in der Gegenwart zu leben, auch wenn in jedem Glück bereits Trauer über den Abschied enthalten ist. In New York möchte er bleiben, doch die Familie zieht es nach Deutschland zurück.
Er wird stärker und findet immer besser zu sich selbst, wird einfühlsamer und klarer. Ehrlich schreibt er, welche Dinge er bereut im Leben, nämlich Menschen nicht gut behandelt zu haben, für Schwache nicht eingestanden zu sein und ausgegrenzt zu haben. Er zitiert viele Autor/innen, die sich zu Verlust, Abschied und Trauer geäußert haben. Zwischendurch flicht er immer wieder Todesnachrichten bekannter oder befreundeter Menschen ein. Auch wenn manches sprunghaft wirkt, sein Buch regt an, über Abschiede nachzudenken und sich einem oft verdrängten, da unbequemen Thema zu stellen. Bei mir hat er damit einen Punkt getroffen.
Tanja Schleyerbach
Genialer Schreibstil und Satire mit spannendem Plot Twist
Svea Mausolf: Image. – Roman, 2025 – 256 Seiten
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Peggy Brinkmann, 37, Dauerstudentin, findet sich in einer misslichen Lage wieder – Ihre Eltern haben keine Lust mehr sie und Ihre Sammlung an Vintage-Designer-Möbeln zu finanzieren, und drehen ihr den Geldhahn zu. Fortan lebt sie also gegen ihren Willen mit Martin zusammen, einem Schauspielstudenten, der es mit der Körperpflege und Ordnung nicht ganz so ernst nimmt. Als sich dann auch noch Peggys Langzeitfreundin Ulrike von ihr trennt, landet diese einmal wieder im Image, einer schmutzigen Kneipe. Zusammen mit der eigentlich arbeitslosen Kellnerin Veronique, und Martins doch-nicht-so-ganz-Freundin Olivia, verfängt sich Peggy in einer Reihe von schwerwiegenden Ereignissen. Der Abschluss des ganzen findet sich auf der Verlobungsfeier von Peggys Schwester wieder, Christfluencerin Jenny.
Svea Mausolf ist eigentlich unter dem Namen @Sveamaus auf Instagram bekannt – für ihre Memes. Genau diese Art von düsterer Satire benutzt sie nun in ihrem Debütroman wieder, und das meiner Meinung nach perfekt auf den Kopf getroffen. Die Autorin arbeitet nicht nur mit Nostalgie, mitreißenden inneren Dialogen und Wendungen, sondern auch mit einem Überraschungsfaktor: Ekel. Diese Mischung sorgt für eine mitreißende Geschichte, die man gar nicht mehr aus der Hand legen will.
Perfekt für alle, die etwas weniger konventionelles Lesen wollen. (Und für die, mit einem starken Magen).
Lilly Baecke
Medienempfehlung zum Internationalen Tag der Pflegenden am 12.05.2026
Roman über den Alltag eines Paares mit einem pflegebedürftigen Partner
Martina Hefter: Hey Guten Morgen, wie geht es Dir? – Roman, 2024 – 222 Seiten
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Roman des Jahres 2024, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis.
Hart umstritten war die Entscheidung der Jury für den Deutschen Buchpreis 2024. Martina Helfter legt einen Roman über ein Ehepaar vor, dessen Mann Jupiter ein erfolgreicher Schriftsteller und pflegebedürftig ist und sich zwischen Krankenbett und Rollstuhl bewegt. Juno, seine Frau, hat das Bedürfnis, ein Leben neben diesem Alltag zu führen, indem Sie sich im Internet mit Männern trifft, Love-Scammern und anderen. Ihnen kann sie das Blaue vom Himmel über sich erzählen, und es gibt ihr wenigstens in der Phantasie die Gelegenheit, eine andere zu sein. Sie provoziert das Ende jeder Begegnung, indem sie plötzlich einen harten Cut macht und von ihrem echten Leben schreibt – oder macht selbst Schluss. Um Geld lässt die 50-Jährige sich dabei nicht bringen. Auf Benu aus Nigeria lässt sie sich intensiver ein und wartet, wann die Frage nach der Überweisung kommt – sie bleibt überraschenderweise aus. Benu verliebt sich ein wenig in Juno, versucht sie von allem fernzuhalten, was ihm teuflisch erscheint und ringt ihr Versprechen dazu ab. In Wirklichkeit ist Juno Künstlerin, Tänzerin und Schauspielerin, ihr Alltag ist ausgefüllt mit Proben, Auftritten und der Versorgung von Jupiter. Das Geld ist knapp und reicht gerade, um sich mit ungesunden Lebensmitteln über Wasser zu halten. Jupiter gewinnt einen Literaturpreis, und die Fahrt zur Preisübergabe mit dem Zug ist eine Herausforderung. Das Geld können die beiden gut gebrauchen. Sie haben sich über die Jahre auseinandergelebt, schlafen getrennt, und so kann Juno nachts mit Videocalls ihre Schlaflosigkeit verdrängen. Auch Benu tritt eines Tages aus ihrem Leben.
Martina Helfter erzählt den Roman auch mit Chatprotokollen und Videogesprächen. Die große Leidenschaft bleibt aus, Romantik kommt eher zu kurz, und die Charaktere bleiben an der Oberfläche. Benus Alltag in Nigeria und seine Herausforderungen werden durch die Protokolle und Calls immer wieder thematisiert. Gut geschildert wird der bisweilen mühevolle Alltag des Paares, Jupiters freundliche Toleranz Junos Freiheit gegenüber, sein gelassener Umgang mit der Krankheit sowie Junos Sehnsucht nach einem anderen Leben.
Tanja Schleyerbach
Medienempfehlung zum Int. Tag der biologischen Vielfalt am 22.05.2026
Wunderbare Miniaturgeschichten aus der Natur
Sy Montgomery: Vom magischen Leuchten des Glühwürmchens bei Mitternacht und anderen kleinen großen Wundern der Natur. – Tine Pagenberg: Illustration. – Sachbuch, 2019 – 238 Seiten
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Die vielfach ausgezeichnete amerikanische Naturforscherin, Autorin von 20 Sachbüchern und bekannt durch „Rendezvous mit einem Oktopus“ „Das Geschenk des Kolibris“ oder „Der Ruf der rosa Delfine“ hat ausgehend vom amerikanischen Fokus ein ansprechendes populärwissenschaftliches Buch über die Natur entlang der Jahreszeiten veröffentlicht. Doch auch die europäischen Vorkommen werden einbezogen. Stinktiere, Möwen, Quallen, Spinnen, Mücken, Steine oder Blitze wird man nach der Lektüre anders einordnen. Sie schafft es sogar, die Perspektive der Mücken einzunehmen und Verständnis dafür zu entwickeln, dass und wie sie das zweitklassige Blut der Menschen für ihre Brut zapfen – und das nicht sehr oft in ihrem Leben. Amüsant die Geschichte der Möwen, die 500 Golfbälle stibitzen und sie so lange auf den Golfplatz fallen lassen, bis dieser geschlossen wird. Die Natur regelt manches sehr selbstständig. Für die Fledermäuse bricht sie ebenso eine Lanze wie für Schlammpfützen, und die kurzen, ansprechend illustrierten Kapitel voller empathischer Geschichten führen dazu, das anthropozentrische Weltbild (bis auf 2 Ausnahmekapitel) getrost zu verlassen und den Menschen als Teil der Natur einzuordnen.
Tanja Schleyerbach
Medienempfehlung zum Tag der Familie am 15.05.2026
Späte Versöhnung in einer autofiktionalen komplexen Mutter-Tochter-Beziehung
Andrea Sawatzki: Biarritz. – Roman, 2025 – 158 Seiten
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Alles hatte seine Ordnung. Teller wurden leergegessen, egal, wie gruselig die Kochkünste der Köchinnen waren und wie wenig es ihnen schmeckte, Kinder hatten den Mund zu halten und den Erwachsenen zu “folgen“, Kinder hatten den Tisch mit den Zigaretten zu „decken“, wenn Besuch kam, damit die ganze Nacht geraucht werden konnte. Geweint wird nicht. Die Mutter nicht, und Andrea alias Hanna seit sie 12 Jahre alt ist auch nicht mehr. So war das in den 60er Jahren. Andrea wuchs zwischen Mutter und Tante in der Einliegerwohnung der Tante auf, und die Kellerasseln knackten unter ihren Füßen. Ihre Tante war streng, verteilte Ohrfeigen und war gleichzeitig lebensfroh, trug Lippenstift auf und hatte Gäste, ihre Mutter hingegen sah in solchen Dingen keinen Sinn. In „Brunnenstraße“ hat Andrea Sawatzi viel über ihren demenzkranken und gewalttätigen Vater erzählt und über ihre unbändige Wut in einer verlorenen Kindheit.
Hanna lernt, als ihre über 80-jährige Mutter Emmi an Demenz erkrankt jahrelang in einer Pflegeeinrichtung lebt und nur noch mit ihrer Freundin und Mitbewohnerin Marianne kommuniziert, aber nicht spricht, die Vergangenheit neu einzuordnen. Das hilft ihr, Frieden mit ihrer Mutter zu machen. Sie sieht sie als Mutter, die alles versuchte und gab, um ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen – und doch in vielem scheiterte. Die Liebe ist es, die auch zur Sprache kommt und ein zartes Band zwischen ihnen bildet. Drei Jahre schreibt Sawatzki an diesem Roman, ein innerer Prozess der Aufarbeitung ihrer Beziehung.
Mit Marianne und ihrer Mutter zusammen macht Hanna einen letzten großen Ausflug, der viel mit der Vergangenheit zu tun hat. Die sprachlose Emmi findet ein Wort dafür, als sie in Biarritz aufs Meer blickt: „Blau“.
Melancholisch, berührend.
Tanja Schleyerbach