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Empfehlungen September 2025

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen

Buch-Cover: Möge der Tigris um dich weinen Buch Cover: Die falsche LügeBuch-Cover: Der Stau Buch-Cover: Wenn Russland gewinnt Buch-Cover: The Devils  Buch-Cover: Tamarisken in der Wüste  Buch-Cover: Mama, bitte lern deutsch  Buch-Cover: Die Dahlien-Morde


 

Erschütternd poetische Verarbeitung eines Femizides im Irak

Buch Cover: Möge der Tigris um dich weinen

Emilienne Malfatto: Möge der Tigris um Dich weinen. – 2023. – 91 Seiten

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Dieses schmale und überaus großzügig gelayoutete Bändchen, das 2021 mit dem renommierten Prix Goncourt und 2023 mit dem Jugendliteraturpreis (empfohlen ab 15 Jahren) ausgezeichnet wurde, hat es in sich. Zu Wort kommen in dem Debütroman der Autorin und Fotografin acht Familienmitglieder aus dem Irak und ein Freund - und der Tigris. Ja, der Tigris hat wohl schon bessere Zeiten erlebt, wie er berichtet. Zeiten, in denen nicht die Toten und Verletzten darin trieben und ihn rot färbten, sondern Kalifentöchter ihre Haare darin wuschen. Als erste meldet sich die namenlose junge Frau zu Wort, die von ihrem Liebhaber vor der Verlobung geschwängert wird – ihr Todesurteil – und von ihrem Bruder am Ende erbarmungslos getötet werden wird. Ein Mechanismus, der nicht aufzuhalten ist. Ihre Geschwister, ihre Mutter und ihr Bruder und Mörder Amir, dessen Frau und Mohammed, der Liebhaber der zu Tötenden sind Teil einer patriarchalen Gesellschaft in einer ländlichen Gegend des Iraks. Das Menschenleben einer Frau ist nichts wert gegen die Familienehre und den gesellschaftlichen Codex. Sie wird ausgelöscht, auch aus dem Familiengedächtnis, ihre Name darf niemals mehr erwähnt werden. Niemand durchbricht die Konventionen, um der jungen schwangeren Frau beizustehen und den so genannten „Ehrenmord“ zu verhindern oder wenigstens anzuprangern. Das Unrecht schreit zum Himmel in dieser Geschichte – und bleibt ungehört.

Eindringlich zu Wort kommt durch die Berichte der Personen auch der Krieg, der Menschen zerfetzt und tötet und sie zu Bestien macht und Palmen enthauptet. Eingeflochten werden 5 passende Zitate des mesopotamischen Helden Gilgamesch. Die Worte und Sätze sitzen wie mit einem Meißel sorgfältig herausgearbeitet. Sie dringen tief ein in die Seele der Lesenden und hinterlassen Spuren wie im sich stetig erneuernden und beobachtenden Tigris und in den Leben der Iraker*innen.

Unbedingt lesen! Auch für Schulklassen geeignet.

Tanja Schleyerbach

 

Absolut fesselnd von Anfang an

Buch-Cover: Die falsche LügeSophia Stava: Eine falsche Lüge : wird es ihre letzte sein? – 2025. – 410 Seiten

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Sloane findet ihr Leben ziemlich uninteressant und lügt deshalb bei jeder Gelegenheit ihre Mitmenschen an. Als sie Jay, Violet und Harper kennenlernt – eine süße kleine Familie – und deren perfektes Leben sieht, will sie unbedingt ein Teil davon sein und so verstrickt sie sich immer mehr in ihr eigenes Lügennetz … bis sie feststellt: Hier hat sie die falsche Person belogen.

Ein nervenaufreibender Thriller, wie er besser nicht geschrieben werden kann.

Katrin Grießinger

 

Wenn der Verkehr mörderisch ist

Buch-Cover: Der StauJo Furniss: Der Stau : es gibt kein Entkommen. – 2025. – 317 Seiten

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Police Officer Billy Kidd, ist nach einem Langstreckenflug, auf dem Weg vom Flughafen nach Hause. Sie gerät mit ihrem Mietwagen vor einem Tunnel in einen kilometerlangen Stau und als sie aussteigt, um sich die Beine zu vertreten, macht eine Frau sie auf einen Mann in einem Auto aufmerksam, der sich nicht bewegt. Billy schaut sich die Lage näher an und stellt fest: Der Mann wurde ermordet.

Schnell wird ihr klar – sie muss handeln, denn in dieser ausweglosen Situation, muss der Mörder noch mit ihr im Stau stehen.

Katrin Grießinger

 

Zum Tag der Demokratie am 15. September

Ein düsteres Szenario in naher Zukunft

Buch-Cover: Wenn Russland gewinntCarlo Masala: Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario. – 2025. – 118 Seiten

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Ich greife zum neuesten Buch von Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München und Autor mehrere Sachbücher, weil ich sein Szenario für die nähere Zukunft kennenlernen und trotz aller Hoffnung innerlich vorbereitet sein möchte.

Dabei blickt er ins Jahr 2028, Russland erobert eine Insel zwischen Kanada und Grönland, eine estnische Kleinstadt und eine Insel in der Ostsee. Estland bittet die NATO, Artikel 5, den Angriff auf das Verteidigungsbündnis, auszurufen. Frankreich wird inzwischen von Rechten regiert und hat kein Interesse, etliche andere europäische Staaten ebenfalls nicht. Russland, das von einem neuen Hardliner im Sinne Putins angeführt und angelogen wird, destabilisiert Europa durch Überforderung und kleinere, Grenzen auslotende Provokationen und setzt Flüchtlingsbewegungen nach Europa in Gang. Die Europäer binden an den Seegrenzen militärisches Personal, das woanders für die Verteidigung fehlt. Cyberangriffe und Spionage sind zum Alltag geworden, keine Kommunikation und Infrastruktur sind mehr sicher. Wie entscheidet sich das Bündnis, und ab wann wird Artikel 5 relevant? Für eine estnische Kleinstadt?

Die Russen kennen die Schwächen der Europäer zu gut, und sie setzen bei ihren gezielt kalkulierten Operationen auf Angst, ihren Verbündeten, China und weiteren befreundeten Staaten. Ziel ist eine neue Weltordnung, an der der größte Teil Europas, freiheitliche Staaten und Demokratien kein Interesse haben können. In diesem Szenario ist kein Spielraum für diplomatische Bemühungen oder gar ernsthafte Verhandlungen mit den gegnerischen Parteien mehr vorgesehen. Hegemonialstreben, sich gekränkt und gedemütigt fühlende Völker und Autokraten ebnen den Weg zum Dritten Weltkrieg, den niemand gewinnen kann. Möglicherweise ist diese Einschätzung realistisch und keine Dystopie. Kein Krieg ist darin nur durch Abschreckung denkbar, und die hat einen hohen Preis für alle. Umso mehr müssen Demokratien und alle, die weiterhin in solchen leben möchten, wehrhaft werden und solche Szenarien ernst nehmen und einkalkulieren, was höchste diplomatische Anstrengungen nicht ausschließen darf.

„Demokratie ist die schlechteste Staatsform – mit Ausnahme aller anderen.“ Winston Churchill

Tanja Schleyerbach

 

Ein fesselnder Fantasy Roman mit sehr schrägem Humor

Buch-Cover: The DevilsJoe Abercrombie: The Devils. – 2025. – 560 Seiten

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„The Devils“ von Joe Abercrombie ist eines der originellsten Fantasy-Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Die Handlung selbst kombiniert viele bekannte Tropen der Fantasy-Literatur: Eine Gruppe bunt zusammengewürfelter Figuren mit magischen Talenten aus allen Gesellschaftsschichten sieht sich einer gemeinsamen Mission gegenüber, an deren Erfolg sowohl ihr eigenes als auch das Schicksal der bekannten Welt hängt.

Der Autor schreibt auf so unterhaltsame Art und Weise, und versteht es so fabelhaft, jeden einzelnen seiner oft schrulligen Charaktere sorgsam auszugestalten, dass es schwerfällt, das Buch aus der Hand zu legen – obwohl, oder vielleicht gerade weil man weiß, wie Bücher mit vergleichbarer Handlung enden.

Dass dieser Roman so magisch, so spannend, und gleichzeitig so witzig ist, hat mich beim Lesen komplett überrascht. Ich habe das Buch im Urlaub innerhalb weniger Tage verschlungen, und warte nun gespannt auf den zweiten Teil der Reihe.

Antonia Heger

 

Lesung am 24. September im Rahmen der Interkulturellen Woche vom 21. bis 28. September 2025

Erschütterndes Zeitdokument aus dem China der 20er und Folgejahre und eine Familiensaga, die unter die Haut geht

Buch-Cover: Tamarisken in der WüsteShi Mei: Tamarisken in der Wüste. Eine chinesische Familiensaga. – 2024. – 246 Seiten

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Shi Mei, geboren in China, wuchs in der Wüste Gobi auf und lebt seit 1990 in Deutschland. Sie beschreibt in ihrem Debütroman das Leben ihrer Großmutter Orchidee, der 1920 im Alter von 6 Jahren – sehr spät und daher noch schmerzhafter - die Füße drei qualvolle Jahre lang gebunden, die Zehen auf die Fußsohlen umgebogen und letztlich gebrochen werden, damit sich ihre Heiratschancen auf einen reichen Mann erhöhen und ihr ein ärmliches Leben erspart bleibt. Zierliche Lotusfüße, so kurz wie ein Finger, sind attraktiv für chinesische Männer mit Geld. Was das für die Frauen bedeutet, beschreibt die Autorin eindringlich: lebenslange Verkrüppelung, mühevolles Getrippel und niemals normal laufen können. Wie es unter den Bandagen aussieht, sehen ihre Ehemänner meist nie. Als Kind wehrt Orchidee sich vergeblich mit allen Kräften gegen die Prozedur, ihre Mutter und die Fußfrau, die dafür bezahlt wird, ihr brutale Schmerzen zu bereiten. Ihre ältere Schwester lebt zufrieden als Bäuerin mit großen Füßen. Orchidee wünscht sich nichts mehr als das. Ihre Mutter ist kalt und fremd geworden, der Vater zieht es vor, den Kontakt zu vermeiden. Orchidee und ihre Freundin Lotus erleiden dasselbe Schicksal, und sie trösten sich gegenseitig in ihrem Schmerzen.

Orchidee wird zwangsverheiratet, und wider Erwarten ist es Liebe, was das junge Paar füreinander empfindet. Der Tod ihrer Freundin Lotus erschüttert sie zutiefst. Sie darf keinen Kontakt zu ihr haben, und auch zu ihrer Schwester nimmt sie erst sehr spät wieder Kontakt auf. Orchidee wird mit 13 Kindern zur Gebärmaschine, fünf wird sie überleben. Irgendwann organisiert sie ihrem Mann eine attraktive Nebenfrau, um nicht mehr mit ihm Sex haben zu müssen.

Es folgt 1949 die Machtübernahme der Kommunistischen Partei, und damit wird ihre Familie als Großgrundbesitzer enteignet und öffentlich unvorstellbar gedemütigt. Eine entsetzliche Hungersnot bricht mit der „Kulturrevolution“ über China herein. Orchidee, zuletzt 16-fache Urgroßmutter, muss mit den gebrochenen Füßen qualvoll Feldarbeit verrichten. Die Suizide in ihrem Umfeld und weitere Todesfälle nehmen zu. Auch ihr gedemütigter Mann ist darunter.

Das Buch ist so packend und erschütternd wirklichkeitsnah, dass man die kleinen Flüchtigkeitsfehler oder einen nicht fortgeführten Handlungsstrang gerne übersieht.

Unbedingt lesen!

Tanja Schleyerbach

 

Zur Interkulturelle Woche vom 21. bis 28. September 2025

Offener Einblick in die postmigrantische Gesellschaft

Buch-Cover: Mama, bitte lern deutschTahsim Durgun: Mama, bitte lern Deutsch. Unser Eingliederungsversuch in eine geschlossene Gesellschaft. – 2025. – 200 Seiten

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Der Autor, Kind kurdischer Einwand/innen nach Deutschland und Internetstar, beschreibt, wie er als Kind Verantwortung für seine Mutter übernehmen musste, die auch nach Jahrzehnten noch nicht ausreichend Deutsch spricht, schreibt oder liest, um das Leben alleine zu bewältigen. Sein Buch wird sie nicht lesen können – noch nicht. Er muss seine Mutter zu Arztbesuchen und Behörden begleiten, um zu dolmetschen, er hat nicht die gleichen Chancen in seiner Schullaufbahn wie ein Kind ohne Migrationsgeschichte. Er weiß nicht, was es bedeutet, Jezide zu sein und spielt im Religionsunterricht die Geschichte von der Fußwaschung mit, nachdem die Lehrerin während des Unterrichts mit seiner Mutter telefoniert hat. Der Klassenbeste ist entzückt. Sein muslimischer Freund, der einzige Muslim in der Klasse, kann ihn nicht davon abhalten. Am Schulfest werden die Köstlichkeiten seiner Mutter misstrauisch beäugt und kommentiert. Viele Szenen kann man sich sehr lebendig vorstellen. Dass ihre Wohnung oft übervoll mit Familienbesuch ist, dass eine hohe Lautstärke durch Menschen, Musik und Fernseher der Normalzustand ist, lässt vorprogrammierte Konflikte in der Nachbarschaft erahnen.

Der studierte Germanist gibt Einblicke in das Leben seiner Mutter, in das der postmigrantischen Gesellschaft und in das deutsche Bürokratiesystem, das mehrmals als schikanierend geschildert wird. Die Sprache ist bisweilen flapsig. Das Buch ist durchdrungen von der Liebe zu seiner Mutter, wobei sie möglicherweise nicht wollte, dass manche Szenen an die Öffentlichkeit kommen.  

Das Buch macht klar, dass alle Einwohner/innen Deutschlands daran arbeiten müssen, dass das Zusammenleben ohne Vorurteile und mit gegenseitigem Respekt gelingen kann – und dass jede/r durch die Begegnung gewinnen kann: Erkenntnisse, neue Sichtweisen und Erfahrungen, kulturelle Erlebnisse und vielleicht auch neue Freund/innen.

Tanja Schleyerbach

 

Überzeugendes und hochaktuelles Debüt!

Buch-Cover: Die Dahlien-MordeAshley Kalagian Blunt: Die Dahlienmorde. – 2024. – 384 Seiten

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Ein Leben ohne Smartphone, Internet und Social Media? Für die meisten undenkbar – für Reagan? Überlebenstaktik!

Seitdem sie wieder in Sydney lebt, versucht sie so unauffällig wie möglich zu existieren. Nur ihre Mutter und ihre beste Freundin kennen ihre Adresse und haben ihre Telefonnummer. Wenn sie auf die Straße geht, schaut sie sich ständig um und ihre Wohnungstür besitzt neben dem Schloss noch drei weitere Riegel. So fühlt sich Reagan relativ sicher und kann ihrer Arbeit im Gartencenter nachgehen, bis sie plötzlich eine Leiche auf der Straße findet, die genauso aussieht wie sie selbst. In die Polizei hat sie kein Vertrauen, weshalb sie den Leichenfund nicht meldet. Ein folgenschwerer Fehler – denn bald wird sie selbst zur Hauptverdächtigen. Sie weiß nicht, wem sie noch trauen kann und merkt schnell, dass der wahre Mörder hinter ihr her ist.

Das Buch liest sich quasi von alleine!

In Teilen beruht der Psychothriller auf dem Black Dahlia-Mord, einem der bekanntesten ungelösten Fälle der amerikanischen Kriminalgeschichte.

Katrin Grießinger

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