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Medienempfehlung zum Welttag des Buches am 23.04.2026
Lesetipp für mehr Lesetipps
Teresa Reichl: Muss ich das gelesen haben? Was in unseren Bücherregalen und auf Literaturlisten steht - und wie wir das jetzt ändern. – Sachbuch, 2023. – 230 Seiten
Titel verfügbar?
„Frauen haben halt einfach nicht geschrieben …“ Klar. Und jüdische, queere oder Schwarze Menschen natürlich auch nicht. Eigentlich nur die üblichen weißen, heterosexuellen cis-Männer und so weiter. Man(n) kennt es.
Oder vielleicht macht man es sich (bzw. dem Patriarchat) damit auch ein bisschen zu einfach.
Teresa Reichl geht humorvoll und kritisch auf den Literaturkanon ein, ohne dabei wirklich bösartig zu werden. Ich hatte das Gefühl, dass sie Lesen und Literatur sehr liebt – auch die kritisierten Klassiker (mit einer Ausnahme).
Sie erklärt ein paar Klassiker, ein bisschen Literaturanalyse und gibt eine ganze Menge Lesetipps. Nicht um den vorhandenen Literaturkanon abzuschaffen, sondern um ihn zu erweitern.
Obwohl die Autorin besonders Schüler*innen anspricht ist das Buch auch Lehrer*innen und Literaturbegeisterten zu empfehlen, die sich inspirieren lassen wollen, nicht immer nur die ewig gleiche Perspektive zu lesen.
Den Schreibstil gilt es im Übrigen nicht als cringe und respektlos zu bewerten, sondern als unterhaltsam und leicht verständlich.
Andrea Bässgen
Eine anrührende Kind-Tierbeziehung in den Wäldern Kanadas der 30-er Jahre
Tammy Armstrong: Pearly Everlasting. – Roman, 2025. – 367 Seiten
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Im Jahr 1934 in Kanada lebt die fünfzehnjährige Pearly Everlasting (deutsch Silberimmortelle) in einem Holzfällercamp. Sie wuchs mit ihrem geliebten Bären Bruno auf, der in der Familie fast seit ihrer Geburt mitlebt. Ihr Vater, der Koch des Camps, hatte eines Abends im „falschen Frühling“ 1918 einen hilflosen Bärenwelpen zu seiner kleinen Tochter gebracht. Er wird zu ihrem Bruder, und die Beziehung ist enger als zu ihrer Schwester Ivy. Der Umgangston im Camp ist rau, die Armut und der Aberglauben groß, Gewalt ist Normalität. Die Liebe von Pearly zu Bruno ist anrührend. Einem neuen Vorarbeiter ist der Bär ein Dorn im Auge, und als ein Mann getötet wird, wird Bruno verdächtigt und verschwindet spurlos. Pearly will lieber sterben, als ohne Bruno weiterzuleben, also macht sie sich auf die Suche nach ihm. Es folgt eine atemberaubende Abenteuergeschichte, die poetisch, zärtlich und zugleich spannend erzählt wird. Die intensive Geschichte um Gut und Böse zieht magisch in ihren Bann, und die Übersetzung aus dem Kanadischen ist sehr gut gelungen.
Unbedingte Leseempfehlung!
Tanja Schleyerbach
Ein Fantasy-Roman mit Dark Academia Elementen, der zum Nachdenken anregt
M. L. Wang: Blood over Bright Haven. – Fantasy Jugendbuch, 2025. – 477 Seiten
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In diesem Buch geht es wie in vielen anderen Fantasy-Geschichten um Magie und um den Kampf gegen die institutionelle Korruption einer Elite an Magiern, die die Geschicke aller bestimmen wollen. Aber es geht darüber hinaus noch um so viel mehr. Es geht um Feminismus und Gerechtigkeit, um Toleranz und Diversität, und um die Rebellion von Unterdrückten gegen die patriarchal geprägte Obrigkeit.
Die Geschichte folgt der aufstrebenden ersten weiblichen Hochmagierin von Tiran, Sciona, und ihrem Assistenten Thomil, ein Immigrant aus den die magische Stadt umgebenden kargen Steppen, der auf dem gefährlichen Weg in die Sicherheit nicht nur seine ganze Familie, sondern ebenfalls seinen gesamten Stamm verlor.
Zusammen kommen sie einer jahrhundertelangen Verschwörung auf die Spur; sie erkennen das ganze Ausmaß an Grausamkeit, die das Hohe Magisterium anwendet, um an der Macht zu bleiben, und bald sind nicht mehr nur die Leben der beiden in Gefahr…
Mir hat der Roman aus verschiedenen Gründen sehr gut gefallen. Zum einen ist er sehr spannend und kurzweilig geschrieben, so dass ich von Anfang bis Ende absolut gebannt war und unbedingt wissen musste wie es weitergeht. Zum anderen hat mir das Magiesystem gefallen, auf dem die Gesellschaft von Tiran aufgebaut ist, und die Art und Weise wie es die Autorin geschafft hat, diese magischen Elemente mit gesellschaftskritischen Fragen in Verbindung zu bringen. Zu guter Letzt war das Ende anders als ich erwartet hatte, was mich sehr positiv überrascht hat.
Antonia Heger
Ein Pensionatsjahr im frommen Pfarrhaus von Eningen mit Folgen
Sanne Jellings: Helenes Stimme. – Roman, 2023. – 204 Seiten
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Kürzlich wurde der Roman von Sanne Jellings in einer Lesung in der Stadtbibliothek Reutlingen vorgestellt. Die Waise Helene Lange wurde als 16-jährige in eine Pensionats-Pfarrersfamilie nach Eningen geschickt, wo die kluge Teenagerin sich in die Gespräche der Erwachsenen einmischt und unmittelbar zum Schweigen aufgefordert wird. Ihre Freundin, die demütige und mit Arbeiten im Haushalt auf die Ehe vorbereitete Marie, lässt das Selbstbewusstsein und das Interesse an Bildung der forschen Oldenburgerin nicht spurlos an sich vorüberziehen.
Helene bezweifelt, dass es für Frauen nur einen Weg gibt, glücklich zu sein: die Ehe und eine lebenslange Sorge für die Familie und das Hintenanstellen sämtlicher eigener Bedürfnisse. In Maries Welt kamen solche Gedanken bislang noch nicht vor. Innere und äußere Kämpfe der beiden jungen Frauen werden geschildert, eine Vergewaltigung und dessen weitreichende Folgen sowie die Auseinandersetzung mit einer Welt voller Gesetze, Vorurteile, Frömmigkeit und Schein. Helene ist gewillt, für sich einen anderen Weg zu gehen, und davon hält sie auch das abgekürzte Pensionatsjahr im Pfarrhaus nicht ab, im Gegenteil. Wenn man über die Zwänge und Ungerechtigkeiten, den Druck und die Argumentation gegenüber Frauen, Kindern und Jugendlichen der damaligen Zeit mit ihren gravierenden mentalen, gesundheitlichen und seelischen Folgen liest, lassen sich Wut und Empörung nicht komplett beiseiteschieben. Die männliche Sichtweise war die einzig gültige und gesetzt. Eine Rechtfertigung dafür gab es zu keiner Zeit.
Die Figuren und deren Geschichten im Roman sind erfunden, beruhen jedoch auf dem realen Aufenthalt Helene Langes in der Pfarrersfamilie und ihrem weiteren Lebensweg.
Informationen zu Helene Lange:
https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Helene-Lange-Eine-engagierte-Frauenrechtlerin,helenelange100.html
Tanja Schleyerbach
Prunk, Ruhm, Glanz & Grausamkeit
Dhonielle Clayton: Schönheit regiert. – Fantasy Jugendbuch, 2019. – 493 Seiten
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Von den Göttern mit Hässlichkeit verflucht, gibt es für die Bewohner von Orléans nur eine Sache, die zählt: Schönheit. Diese erlangen sie mithilfe der magischen Belles. Geschickt von der Schönheitsgöttin, sollen diese die Bewohner Orléans mit ihren magischen Fähigkeiten und Zeremonien schöner machen und sie vor dem Wahnsinn, den die Hässlichkeit mit sich bringt, bewahren. Camelia ist eine solche Belle und konkurriert mit ihren Schwestern um die Gunst der Prinzessin, um als Favoritin ernannt zu werden. Im Leben bisher immer abgeschottet, behütet und beschützt worden, müssen Camelia und ihre Schwestern nun lernen wie die Welt wirklich ist, dass nicht alles was glänzt, auch Gold ist, und auch schöne Menschen hässliche Seelen und Geheimnisse haben können.
Das Buch beschäftigt sich nicht nur mit Prinzessinnen, dem königlichen Hof und Festen, auch wenn diese wunderschön bildlich dargestellt werden. Sondern auch mit der tieferliegenden Frage: Was genau ist Schönheit? Wie genau sind Trends fassbar? Wie machen einen solche extremen äußerlichen Veränderungen aus? Tun sie das überhaupt, oder ist unser äußeres sowieso nur eine Fassade unseres Charakters, und sagt überhaupt nichts über uns als Menschen aus?
Gruselig nahegehend motiviert oder regt die Autorin in einem prunkvollen Fantasy Setting zum Nachdenken an über Themen, die auch in unserer Gesellschaft tagtäglich eine große Rolle spielen – auch wenn uns dies gar nicht so sehr bewusst sein mag.
Lilly Baecke
Authentische Aufarbeitung des Amoklaufs von Erfurt
Kaleb Erdmann: Die Ausweichschule. – Roman, 2025. – 298 Seiten
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Der Literat und Politikwissenschaftler Kaleb Erdmann, der als Autor für Theater und Fernsehen arbeitet, war als Fünftklässler auf der Gutenbergschule in Erfurt, als der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser 15 Menschen hinrichtete und anschließend sich selbst erschoss. Den Umzug in die „Ausweichschule“ erlebte er noch mit, bevor er mit seiner Familie nach Bamberg zog. Auch als Erwachsener, mehr als 20 Jahre später, lässt ihn der Amoklauf nicht los, und er unternimmt einen Versuch, das Trauma literarisch zu verarbeiten. Er liest sich durch Unmengen Bücher und Berichte und allem, was er zu dem Thema auftreiben kann, besucht die alten Schulorte und lässt sich von – vielleicht nicht mehr genauen – Erinnerungen mitnehmen. Er trifft sich mit einem Dramatiker, der gerade in Bamberg das Stück auf die Bühne bringt. Die beiden tauschen sich aus und treffen sich mehrmals – manchmal schlecht gelaunt, aneinander vorbeiredend. Erdmann erlebt das Stück auf der Bühne, und vieles kommt wieder hoch und fließt in sein Buch ein, das ein Kreisen um Gründe, Erinnerungen, Trauer, Schmerz, Verlust und Einordnungsversuche ist. Die Hilflosigkeit, mit der die Erwachsenen versuchen, die Situation zu verarbeiten, deckt auf, wie wenig kindgerecht gehandelt wurde. Immer mehr verflechten sich Aufarbeitung und das literarische Schreiben. Seine Freundin ist nicht immer glücklich mit seinen emotionalen Achterbahnfahrten – zu tief taucht er in die alten Gefühle ein. Letztlich ist es auch eine Dokumentation des Schreib-, Erinnerungs- und Aufarbeitungsprozesses.
Sehr authentisch und persönlich, bewegend und aktuell!
Tanja Schleyerbach
Medienempfehlung zum Tag der Geschwister am 10.04.2026
Ehrliche Aufarbeitung familiärer Suizide
Bettina Flitner: Meine Schwester. – Biografie, 2022 – 320 Seiten
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Bettina Flitner, internationale Künstlerin und Fotografin und seit 2018 auch offiziell die Frau an Alice Scharzers Seite (Alice wird ab und zu erwähnt), hat ein Buch geschrieben, dessen Inhalt nicht so schnell aus dem Gedächtnis weichen will. Der Suizid ihrer Schwester Susanne ist Anlass, um sich der Familiengeschichte zu stellen, in der Suizide einen Großteil der Todesursachen sind. Ihre Mutter – lange von ihr selbst mantraartig vorhergesagt – mit 47 Jahren, ihre Schwester mit 57 Jahren. Beide litten wie andere Familienmitglieder an starken Depressionen – schwarze Raben, die sie einkreisten und sich bei ihnen niederließen.
Wann war das letzte Mal, als sie mit Susanne gesprochen hat? Mit wem hat sie zuletzt gesprochen, wen hat sie getroffen vor ihrem Tod? Als die Todesnachricht kommt, hat sie erstmals den neuen von einer Freundin geschenkten Pullover an und weiß im selben Moment: nie wieder wird sie diesen tragen. Alles, was sie an den Moment erinnert, versucht sie, aus dem Gedächtnis zu verdrängen.
Und wie war die gemeinsame Vergangenheit, die Familiengeschichte? Die Schwestern besuchen Waldorfschulen und später Montessorischulen, Susanne immer beliebt, immer der Star, gutaussehend, beide manchmal zu einem Verwechslungsspiel bereit. Durch den häufigen Berufswechsel des Vaters können sie nirgends wirklich Fuß fassen, immer wieder werden sie aus Freundschaften herausgerissen und müssen neu anfangen. Umso mehr sind die beiden einander verbunden. Die Beziehung der Eltern wird immer schwieriger, beide haben häufig wechselnd andere Partner. Oft haben die Eltern repräsentative Pflichten, die Kinder sind wechselnd bei ihren vier Großeltern, die sie anschaulich schildert. In Rückblenden blättert Bettina die Kindheit und die Zeit nach dem Suizid der Schwester Susanne auf. Der Vater liebt Susanne und achtet Bettina, die gar nicht erwachsen werden möchte – im Gegensatz zu Susanne. Die achtet ständig auf ihre Figur, leistet sich teure Cremes, aber sie findet nicht zu sich. In einer psychiatrischen Klinik sucht sie Hilfe – zu spät. Sie hinterlässt eine ratlose und trauernde Familie.
Sehr beeindruckend, ehrlich und gleichzeitig einfühlsam-distanziert geschrieben. Ein Buch, das nahe geht und im Gedächtnis bleibt.
Tanja Schleyerbach
Hinter den Kulissen der Evangelikalen
Caroline Schmitt: Monstergott. – Roman, 2025 – 268 Seiten
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Die Autorin zeichnet ein Bild von Freund/innen, die in die Fänge einer radikalen evangelikalen Freikirche geraten sind. Bereits ihre Eltern gehören dem System an, und eine andere Sicht auf die Welt als diese haben die Kinder außerhalb der Schule, in der sie teilweise Außenseiter sind, nie kennengelernt. Immer tiefer entblättert sich im Laufe des Romans, wie der Umgang, die Methoden, die Gehirnwäsche, Zwänge, Druck, Seminare zur Austreibung der Homosexualität sowie verlogene homosexuelle Kontakte zwischen verheiratetem Pastor und einem jungen Mitglied des Vereins die scheinheilige Fassade in eine hässliche Fratze verwandeln. Geschildert werden Manipulationen und innere Kämpfe, radikal zerstörte Beziehungen, ein Suizidversuch und spiritueller Machtmissbrauch. Ausgetretene bekämpfen inzwischen das perfide System. Sehr glaubwürdiger und realitätsnah geschilderter Einblick in ein System, das Beziehungen und Menschen mit scheinbar biblischen Vorschriften kaputtmacht anstatt sie einfühlsam und unterstützend auf ihrem ganz eigenen Lebensweg zu begleiten.
Tanja Schleyerbach