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Empfehlungen Februar 2020

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen

 

 

Das Grauen in Worte gefasst

Morris, Heather: Der Tätowierer von Auschwitz. Die wahre Geschichte des Lale Sokolow. – München: Piper, 2018. – 300 Seiten

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„Wenn du am Morgen aufwachst, ist es ein guter Tag.“

Auch wenn wir wissen, was Menschen anderen Menschen antun können – in KZs, und auch heute in Kriegen – vom Grauen und dem täglichen Kampf ums Überleben, den Demütigungen, Entwürdigungen, will­kürlichen Erschießungen, Vergasungen, Ängsten und aller Verzweiflung zu lesen, hat mich mitgenommen. Behandelt wurden die Menschen in Auschwitz wie „Vieh“. Auschwitz und Birkenau waren die Höllen aller KZ-Höllen. Schlimmer kann es in keiner Hölle sein. Heather Morris hat im Gespräch mit Lale Sokolow 60 Jahre nach seinem KZ-Aufenthalt in Auschwitz/Birkenau drei Jahre lang Gespräche geführt und seine klaren und präzisen Erinnerungen in eine Geschichte gefasst, die niemanden kalt lässt. Es ist die Geschichte einer großen Liebe und eines Mannes, der auf un­vor­stell­bare Weise und mit unfassbaren Glück die drei Jahre überlebt hat, jeder einzelne Tag ein Wunder. Dem Tod ist er vielfach von der Schippe gesprungen. Er war mutig, er war dreist und leicht­sinnig, er hat Chancen ergriffen und Waren geschmuggelt, er hat seine ihm zugewiesene „Arbeit“ als Tätowierer getan. Lale weiß nicht, wie viele Zahlen er in wie viele Arme jeden Alters geritzt und mit grüner Tinte bestrichen hat. Nach Ende des Krieges musste er als Zuhälter für die russische Elite arbeiten und ihnen jeden Abend Mädchen „organisieren“. Gita, die Lale im Lager kennen- und lieben gelernt hat, ist die Liebe seines Lebens. Er hat sie nach allem über­standenen Grauen wieder­gefunden und geheiratet und einen Sohn mit ihr bekommen.
Die Ereignisse in den drei Jahren im KZ und auf der Flucht reichen für mehrere Leben und treiben auch 60 Jahre später noch Tränen in seine Augen. Jahr­zehnte­lang hat er geschwiegen und sich mit seinen Schuld­gefühlen aus­einander­gesetzt. Immer ging es ums nackte Überleben, und er hat sich dieses Versprechen selbst gegeben. Überleben, um zu berichten, um das Unvorstellbare in Worte zu fassen, damit die Welt weiß, was geschehen ist. Damit sie es niemals mehr vergisst. Lale hatte nicht mehr viel Zeit für die Gespräche. Gita war ihm 2003 vorausgegangen, drei Jahre später folgte Lale ihr für das Wiedersehen in einer anderen Welt.
Heather Morris bezeichnet ihr Buch als „einzigartige Lektion der Menschlichkeit“. Man sollte es einfach nur lesen.

Tanja Schleyerbach

 

Zweimal klein aber fein, Teil 2

Küchengeräte außer Kontrolle

Doctorow, Cory: Wie man einen Toaster überlistet. – München: Heyne Verlag, 2019. – 175 Seiten

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Einen Blick auf das Zukunftsszenario „Smart Home“ wirft der kanadische Science-Fiction-Autor, Journalist und Blogger Cory Doctorow. Während wir noch über smarte Kühl­schränke und handy­affine Roll­läden nach­denken, ist in seinem Roman der Haus­halt der Zukunft schon voll­ständig ver­netzt. Die Geräte können nicht nur online Rezepte herunter­laden, sondern sind mit einem digitalen Kopier­schutz versehen – so wie wir es aktuell von Online­video­diensten, eBook-Readern und Computer­soft­ware kennen.
Die Folgen sind für die Menschen aber nicht immer von Vorteil: Der Toaster nimmt nur Brot eines bestimmten Her­stellers an, die Wasch­maschine nur ent­sprechendes Wasch­mittel und die Kaffee­maschine nur autorisierte Kaffee­kapseln. Billig­käufe sind nicht mehr erlaubt. In diesem Szenario machen Firmen das Urheber­recht zu einem Instrument, um ihre Profite weiter zu maximieren. Problematisch ist das für die junge Einwanderin Salima, denn die Firma, die den Toaster betreibt, der zwangs­weise in ihrer Sozial­wohnung ver­baut wurde, ist pleite und damit offline. Wie Salima die Geräte manipuliert und damit wieder unter ihre Kontrolle bringt, hat Aus­wirkungen, nicht nur für sie selbst, sondern für die Bewohner des ganzen Hochhauses.
Unterhaltsam, gesellschaftskritisch, politisch.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Die Bratpfanne im Kühlschrank

An ihrer Seite. Regie: Sara Polley. 1 DVD. – 2007, 110 Min.

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Grant (Gordon Pinsent) und Fiona (Julie Christie) sind un­zer­trenn­lich, glück­lich ver­heiratet und ver­liebt – seit bald 50 Jahren. Einen gravierenden Ein­schnitt in ihrer Ehe stellt Fionas beginnende Alzheimer Krank­heit dar, die sich bei­spiel­weise dadurch äußert, dass sie die Brat­pfanne im Kühl­schrank ver­schwinden lässt. Fiona begibt sich frei­willig in ein hoch­preisiges Pflege­heim, dessen Auf­nahme­bedingung lautet: 30 Tage keinerlei Kontakt zu Angehörigen, um die Ein­gewöhnungs­phase vor allem für die Pfleger zu er­leichtern. Als Grant sie nach dieser Zeit besucht, erkennt Fiona ihn nicht wieder. Denn da ist Aubrey, ihr Mit­be­wohner, und für den hat sie in kürzester Zeit Gefühle ent­wickelt. Grant ist damit in die zweite Reihe gerückt, und das tut unendlich weh. Fiona hat nur noch Augen für Aubrey. Grant trifft und be­freundet sich mit Aubreys Frau. Als diese Aubrey aus finanziellen Gründen wieder nach Hause holt, bricht das Fionas Herz, und sie fällt in eine tiefe Depression. Aus Liebe gibt Grant sie für Aubrey frei. Einen größeren Liebes­beweis kann kein Mensch erbringen. Dieser groß­artige, zu Herzen gehende Film ist – mit einem Vorrat an Taschentüchern – eine aus­ge­zeichnete Wahl für einen Heim­kino­abend.

Tanja Schleyerbach

 

Eine ungewöhnliche Freundschaft – zwei gegensätzliche Welten – ein Pakt

Katz, Gabriel: Der Klavierspieler vom Gare du Nord. Berlin, Argon Hörbuch. – MP3-CD

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Der Junge aus der Pariser Vorstadt und der Direktor des Konser­vatoriums wären sich nie begegnet, stünde da nicht ein Klavier am Gare du Nord. Der 20-jährige Mathieu ist auf der schiefen Bahn und hat nichts außer einem großen musikalischen Talent. Pierre dagegen hat alles, verwindet aber den Verlust seines Sohnes nicht. Das ungleiche Paar schließt einen Pakt: Pierre ermöglicht Mathieu die Teil­nahme am renommier­testen Klavier­wett­bewerb des Landes. Wird Mathieu die Chance seines Lebens ergreifen? Und warum tut Pierre all das für ihn?
Eine sehr berührende und einfühlsam gesprochene Geschichte von den beiden tollen Sprechern Elmar Börger als Mathieu und Oliver Siebeck als Pierre.

Ulrike Dahl

 

Ungeschminkt und sachlich

Schulz, Roland: So sterben wir. – Unser Ende und was wir darüber wissen sollten. – Piper, 2018. – 238 Seiten

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Roland Schulz, mehrfach ausgezeichneter Reporter der SZ, hat ein bemerkens­wertes Buch geschrieben. Es handelt vom Ende des Menschen. In drei Phasen hat er sein Buch gegliedert: Sterben – Tod – Trauer. Und es gibt so gut wie nichts, was Schulz dabei auslässt. Aus Sicht des Sterbenden, aus Sicht der Begleitenden, aus Sicht der Trauernden, aus Sicht derer, die daran Geld verdienen haben wir teil an diesem Lebens­abschnitt. Es kommt jeder mal dran: der Arzt, der Leichen­beschauer, der Kranken­pfleger, die Hospiz­begleiterin, der Organist, Pfarrer, Trauer­redner, die Angehörigen, Eltern, Partner, Freunde. Alle Orte des Sterbens und Todes geht Schulz mit seinen Lesern ab, ungeschminkt, unsentimental. Das Buch handelt von der idealen Kühl­temperatur, Formular­monstern der Leichen­beschauer, Kosten, Gesetzen, Musik­wünschen, Ziffern, Fristen, Formular­kriegen der Angehörigen, Sarg­ausstattungen, Verbrennungs­öfen, Gefühlen und allen Trauer­phasen der Zurück­bleibenden. Es ist ein ganz und gar unspirituelles Buch voller Fakten – und doch bringt es mich vielleicht gerade deswegen zum Weinen. Unbedingt lesen!

Tanja Schleyerbach

 

Alle Türen sind verschlossen

Kushner, Rachel: Ich bin ein Schicksal. – Hamburg: Rowohlt Verlag, 2019. – 395 Seiten

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Mit einer Nachtfahrt im Gefängnis­bus beginnt die Geschichte. Frauen auf dem Weg ins Hoch­sicher­heits­gefängnis, irgendwo im Central Valley von Kalifornien. Dort, wo sich niemand hin ver­irrt und auch wenig Besucher kommen, soll die Stripperin Romy den Rest ihres Lebens ver­bringen. Sie hat ihren ehemaligen Freier und Stalker um­gebracht, das Urteil lautet zweimal lebens­länglich. Als ihre Mutter stirbt, während sie ihre Strafe im Gefängnis verbüßt, verliert sie auch den Kontakt zu ihrem kleinen Sohn. Von der Welt draußen, von ihren Familien und Partnern sind die Insassinnen alle ab­ge­schnitten, sie kämpfen ums Über­leben, bluffen, biedern sich an und katz­buckeln, wo es nur hilft und einen kleinen Vorteil ver­schafft. Gewalt durch Mit­gefangene und Aufsichts­personal ist ihre Welt. Heraus­kommen werden viele von ihnen nicht mehr. Im Gefängnis lernt Romy die selbst­bewusste Latina Sammy kennen und die un­glückliche Bottom, die in Haft ihr Kind zur Welt bringen musste. Schutz findet sie bei der maskulinen Conan. Einen Schimmer Hoffnung gibt jedes noch so kleine Zeichen von Mit­gefühl, wie das von einem jungen Sozial­arbeiter, der noch Ideale hat und sich der Frauen annimmt. Die Autorin verwebt diese Biografien zu einem Tableau, in dem alle ihre Stimme bekommen. Der Fokus wandert zwischen den Personen und Zeiten, springt in die Ver­gangen­heit und dann wieder in das streng hierarchische, unmenschliche System der Gefängnis­realität.

Die amerikanische Autorin Rachel Kushner entwirft ein illusions­loses Panorama der gesell­schaft­lichen Spaltung in den USA. Eine starke, spektakuläre, oft schmerz­hafte Lektüre. Kalifornien ist in diesem Roman ein Schau­platz der Hoffnungs­losig­keit, Gewalt und Kälte, der Gefängnis­alltag ein Mikrokosmos einer Gesell­schaft ohne Solidarität. Vom amerikanischen Traum bleibt in diesem starken Stück Literatur buch­stäblich nichts übrig. Alle Türen bleiben verschlossen.

Andrea Däuwel-Bernd