Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen

Zur Sommerlesung der Freunde der Stadtbibliothek
Zwei familiär verwobene Frauenportraits und ein langes Stück Zeitgeschichte
Adriana Altaras: Besser allein als in schlechter Gesellschaft. Meine eigensinnige Tante. – Biografie, 2025 – 233 Seiten
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Dieses Motto haben sicher nicht wenige Menschen für sich gewählt, nachdem sie menschliche und partnerschaftliche Enttäuschungen erlebt haben. Adriana Altaras nimmt ihre Leser/innen mit in die Lebenswelt ihrer 99-jährigen Tante und gibt einen Einblick in ihr bewegtes und auch dramatisches Leben. Schon in ihren vorherigen Büchern „Titos Brille“, „Doitscha“ und „Das Meer und ich waren im besten Alter“ teilt sie tragische und wahre Geschichten ihrer aufregenden jüdischen Familie mit einem nüchternen Blick auf humorvolle Weise.
Mit vier Jahren kommt die 1960 geborene Adriana aus Zagreb zu ihrer aristokratischen Tante (Teta Jele), bei der sie wie ihre Tochter aufwächst. Ihre Eltern mussten fliehen, und das Kind konnten sie nach Italien schmuggeln. Immer wieder kehrt Adriana nach Mantua zurück: mit Liebhabern, ihren Abiturfreund/innen und als sie 60-jährig nach 30 Jahren überraschend von ihrem Mann verlassen wird und vor Liebeskummer fast umkommt. Ihre inzwischen mit 98 Jahren doch recht betagte Tante schleppt sie in Bars ab, bekocht sie mit aller Liebe und höchster Kunstfertigkeit und versucht, sie zu trösten – vergeblich. Als Jeles 100. Geburtstag naht, ist diese wegen der Coronapandemie in einer Pflegeeinrichtung eingeschlossen und ein Fest oder Besuch unmöglich. In ihrem Kopf ist Jele unvorstellbar jung geblieben, und ihre Wünsche und Pläne sind präzise, wenn auch kaum mehr umzusetzen. Adriana überbrückt diese grausame Zeit mit unzähligen Telefonaten. Im Rückblick reflektieren sie Tantes Überleben im KZ, ihre Flucht, ihr Leben mit Giorgio und seiner Familie, mit ihrer Jugendliebe, ihrem Liebhaber, was sie aus ihrem Leben gemacht hat, wie sie denkt und welche Rolle Adriana dabei spielte. Die Theaterregisseurin Adriana hat es in der Pandemie nicht leicht – Proben und Aufführungen sind unmöglich. Der zusätzliche Liebeskummer treibt sie in eine Todessehnsucht, die Jele nicht nachvollziehen kann.
Zwei spannende und gegensätzliche Frauenportraits und ein langes Stück Zeitgeschichte werden wunderbar miteinander verwoben.
Die Freund/innen der Stadtbibliothek Reutlingen haben das Buch zu ihrer diesjährigen Sommerlesung ausgewählt. Ein unterhaltsames Stück Literatur – und bei aller Ernsthaftigkeit immer mit einem Augenzwinkern verfasst.
Tanja Schleyerbach
Weitere Bücher und Filme mit und von Adriana Altaras
Eine Medienempfehlung zum Weltvegetariertag am 1. Oktober
Gemüse, einfach lecker
Paul Ivic: Vegetarisch. – Kochbuch, 2024 – 400 Seiten
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Der Titel dieses Kochbuches ist Programm: über 300 vegetarische Rezepte stellt der österreichische Sternekoch, mit eigenem Restaurant in Wien, vor. Dabei legt Ivic darauf wert, möglichst alles vom Gemüse zu verarbeiten. So werden die Gemüseschalen bei seinen Rezepten oft für Gemüsefond, und das Grünzeug z.B. bei den Radieschen, für Pesto verwendet. Inspiriert sind seine Gerichte von der österreichischen Küche (z.B. Kaspressknödel mit Brennnesseln, Kartoffel-Buchteln, karamellisierte Krautfleckerl), aber auch die italienische (Orecchiette mit Pesto vom Karottengrün und bunten Karotten) und asiatische (Glasnudelsalat mit Wurzelgemüse und Tamarinden-Dressing) Küche findet sich wieder. Ebenfalls verwendet er viele Kräuter. Ein Kapitel zu Hülsenfrüchten und Pilzen rundet das Kochbuch ab. Die von mir getesteten Rezept lassen sich alle gut Nachkochen. Hilfreich sind die Hinweise am Ende des Rezeptes. So kann das Radieschenpesto beim Kohlrabi-Radieschen-Salat auch durch anderes Pesto ersetzt werden. Und die überbackenen Grünkohl-Ricotta-Palatschinken funktionieren auch mit Mangold. Super ist, dass Rezepte zu eher seltenen Gemüsesorten wie z.B. Topinambur oder Pastinaken, enthalten sind. Bei diesen vielen tollen Rezepten braucht es definitiv kein Fleisch.
Barbara Glaser
Eine Medienempfehlung zum Welttierschutztag am 4. Oktober
Die letzten ihrer Art – Begegnungen in Flora und Fauna
Wir dachten, wir könnten fliegen. 19 Geschichten über den Verlust der Arten und die Kraft der Literatur. – Herausgeber: Matthias Jügler, 2025. – 254 Seiten
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Kaspischer Tiger, Goldkröte, Stellersche Seekuh, Ur, Laysan-Ralle, einige Pflanzen und weitere seltene Tierarten – was haben sie gemeinsam? Sie alle sind vom Aussterben bedroht, die meisten sind bereits vermutlich, viele sicher ausgestorben. Heute leben 60 % weniger Wirbeltiere als 1970 auf der Erde. Eine Million Arten sind in den nächsten Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, und täglich sterben 150 bis 200 Pflanzen oder Tiere. Caroline Wahl, T.C. Boyle, Iris Wolff, Alex Capus u.a. waren für diesen Sammelband vom Herausgeber eingeladen, etwas über eine stark bedrohte oder bereits ausgestorbene Art zu schreiben. Jede/r packt die Geschichte dieser besonderen Wesen an einem anderen Zopf, zäumt das Tier oder die Pflanze von hinten, vorne, historisch oder fantastisch, persönlich oder beobachtend an. Es ist anders, als ich es erwartet habe: mal sehr verrückt, mal surreal, manchmal bis zu den Tränen nahegehend wie bei den Riesenalks oder die Freiheit der Tiere in letzter Konsequenz respektierend wie bei Mituhokko. Es sind Geschichten die in alle Zeiten und Länder entführen und immer wieder menschliche Übergriffigkeit und Unterordnung tangieren oder ins Zentrum stellen. Anthropomorphismus und Animismus sind ebenso ein Thema wie vollkommen unangebrachter Speziezismus. Die Brutalität und Rücksichtslosigkeit, die Gewaltherrschaft und Ignoranz des Menschen vermag Scham und Traurigkeit auszulösen. Überraschend, erstaunlich, mutig und wunderbar sind in mancher exotischen Erzählung die Begegnungen von zerbrechlichen, zutraulichen und dem Menschen gegenüber immer unterlegenen Mitbewohner/innen der Erde, die aufgrund ihrer Schutzbedürftigkeit ein zärtliches Mitgefühl wecken können.
Eine wunderbar bibliophile Ausgabe mit liebevollen Zeichnungen der jeweiligen Art von Barbara Dziadosz.
Tanja Schleyerbach
Eine Medienempfehlung zum Tag der Schwangeren am 1. Oktober
Eine geniale Idee!
Emi Yagi: Frau Shibatas geniale Idee. – Roman, 2021 – 208 Seiten
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In diesem kurzen Roman täuscht eine junge Japanerin einer spontanen Eingebung folgend eine Schwangerschaft vor, um sich so den lächerlichen Vorstellungen und unausgesprochenen Forderungen ihrer Arbeitskollegen ihr gegenüber als einziger Frau in ihrer Abteilung entgegenzustellen. Von jetzt auf nachher bemerkt Shibata, wie sich durch ihre „Schwangerschaft“ nicht nur die Einstellung ihrer männlichen Kollegen, sondern auch die der Gesellschaft ihr gegenüber verändert.
Der Roman ist im Stil eines Schwangerschafts-Tagebuchs geschrieben. Der Leser folgt der Hauptfigur durch 40 Wochen Schwangerschaft und kann beobachten wie sich allmählich auch ihre eigene Einstellung gegenüber ihrem Leben und ihrer Arbeit verändert und sich ihr so plötzlich völlig neue Perspektiven im ansonsten sehr leistungsorientierten und familiär sehr traditionellen Japan der Gegenwart eröffnen.
Mir hat dieser Roman aufgrund der nüchternen aber doch sozialkritischen Schreibweise gut gefallen. Außerdem fand ich die Charakterentwicklung der Hauptfigur Frau Shibata bis zum Ende äußerst spannend.
Dieser Roman ist auf vielen Ebenen eine wirklich geniale Idee.
Antonia Heger
Eine Medienempfehlung zum Welttag für psychische Gesundheit am 10. Oktober
Eine autofiktionale Familiengeschichte der psychiatrischen Diagnosen
Leon Engler: Botanik des Wahnsinns. – Roman, 2025 – 206 Seiten
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„Was ist ein normaler Mensch? Hast Du schon einen getroffen?“
Der Autor, studierter Theater-, Medien- und Kulturwissenschaftler sowie Psychologe und Psychotherapeut in Ausbildung, scheint ziemlich genau zu wissen, wovon er schreibt. Autofiktional nennt er sein Buch, und das kommt der Wahrheit sicher sehr nahe. Bis ins Detail und mit profunder Sachkenntnis, die vermutlich nicht nur seiner Ausbildung und Erfahrung als Psychologe zu verdanken sind, schildert er eine Familie aus der Ich-Perspektive, in der nahezu keine psychiatrische Krankheit ausgelassen wird – mit allen gesellschaftlichen und familiären Folgen. Depression und Alkoholsucht, Schizophrenie und Psychosen, das ganze Spektrum setzt sich über mehrere Generationen fort, und der Autor versucht, ihnen wie viele Kinder, die mit solchen Erfahrungen aufwachsen, offensiv zu begegnen, um diese unheilvolle Kette zu durchbrechen.
Am Ende bleiben sieben Kartons von seiner Mutter nach der Zwangsräumung ihrer Wohnung. Aber es sind die falschen Kartons, die, die entsorgt werden sollten. Stattdessen ist alles, was in einem Depot aufbewahrt werden sollte, auf der Mülldeponie gelandet. Vor diesen unzähligen ungeöffneten Briefen, Rechnungen und Müll sitzt der Autor sieben Jahre später und beginnt sein Buch zu schreiben. Er versucht, diese Häufung von Krankheiten kognitiv, mit Humor und als massiv Betroffener zu durchdringen und flicht seine Biografie, sein rastloses Unterwegssein, seine spartanische Lebensweise und seine Klinikerfahrungen als Psychologe mit ein, so dass die Botanik des Wahnsinns sehr präzise, nüchtern, niemals wehleidig und mit einer klugen Sprache, treffenden Bildern und Vergleichen zu einem Lesesog führt, der mich das Buch nicht mehr aus der Hand legen ließ.
Tanja Schleyerbach
Eine Medienempfehlung zum Coming Out Day am 11. Oktober
Harte und berührende Mischung aus Coming-of-age und Coming-out
Douglas Stuart: Young Mungo. – Roman, 2023 – 413 Seiten
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Mungo (15) wächst in den 1990er Jahren in Glasgow in einer armen Arbeitersiedlung unter prekären Bedingungen auf. Seine Mutter ist Alkoholikerin und hauptsächlich abwesend, sein große Schwester zieht ihn im Prinzip allein auf. Sein Bruder Hamish ist gerade volljährig, aber selbst schon Vater, dealt mit Drogen und ist zudem ein gefürchteter Bandenführer. Es ist die Zeit wo Katholiken und Protestanden gegeneinander in Straßenschlachten ziehen. Und mittendrin Mungo, der sanft und verträumt ist, der gar nicht in diese maskuline und gewalttätige Welt passt. Als er James kennenlernt, ändert sich für Mungo alles. Er ist für eine kurze Zeit glücklich – doch Homosexualität ist verachtet und geächtet und die beiden Jungs merken, dass ihre Liebe ihre Rettung sein kann oder lebensgefährlich…
Die Sprache ist oft hart und grob, ebenso der Inhalt – passend zur dargestellten Zeit. Es finden sich aber auch wunderschöne poetische Passagen. Auch wenn Mungo nicht für alles Worte findet, der Autor tut‘s. Man taucht tief ein in dieses Viertel in Glasgow, in die damalige Zeit und beobachtet aus nächster Nähe wie dieser junge Mann reift, wie er sich verliebt und sich aus der vorgezeichneten Enge zu befreien sucht. Als Leser/in wird einem einiges zugemutet, aber es lohnt sich meiner Meinung nach sehr! Das Buch hallt noch lange nach und man wird die Protagonist/innen nicht so schnell vergessen.
Fleur Hummel
Eine Medienempfehlung zum Gedenktag an die ungarische Revolution von 1956 am 23. Oktober
Vom Niedergang einer ungarischen Adelsfamilie im 20. Jahrhundert
Nelio Biedermann: Lazar. – Roman, 2025 – 330 Seiten
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Der 2003 geborene gefeierte Literatur-Shootingstar Nelio Biedermann hat nach „Anton will bleiben“ mit „Biedermann“ ein bemerkenswertes Buch in schöner Sprache vorgelegt.
Er legt ihnen Kriege in den Weg, schreibt ihnen Depressionen ins Gemüt oder entreißt ihnen ihre erste Liebe. Ein Machtgefälle wie zwischen Täter und Opfer, wenn auch nur in der Fiktion. Die Figuren können sich nicht wehren, der Schriftsteller macht mit ihnen, was er will, lässt sie leiden und vergeblich hoffen, um sich seiner Überlegenheit zu vergewissern.
Inspiriert von seiner eigenen Familiengeschichte berichtet Nelio Biedermann von einer ungarischen Adelsfamilie über mehrere Generationen von der Donaumonarchie, dem Untergang des Habsburgerreiches bis zum Volksaufstand 1956. Das „Glaskind“ Lajos von Lázár kommt im Waldschloss zur Welt, und die Barone Lázár müssen sich zu dieser Zeit auf grundlegende Veränderungen in Ungarns Süden einstellen und den Niedergang der Familie miterleben. Biedermann blickt zurück auf die Geschichte Europas des 20. Jahrhunderts mit einer eindrücklichen Familiensaga mitten in Kriegen und Krisen. Die ältere Generation versank in Depressionen und Alkohol. Die jüngere muss neue Wege gehen. Die ewige Frage, wie man leben soll, ist ihr stiller Begleiter.
Ausgezeichnet als Lieblingsbuch der Unabhängigen 2025 und Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2025
Tanja Schleyerbach
Eine Medienempfehlung zu Halloween am 31. Oktober
Für Gruselfans
Gruselige Stunden: Schaurige Geschichten für kalte Abende. – 2025 – 236 Seiten
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In diesem Buch ist der Titel Programm - es ist eine Sammlung von fünf Geister- bzw. paranormalen Geschichten aus England vom 18. bis zum 20. Jahrhundert.
Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, auch wenn - wie immer in einer Anthologie natürlich - einige Geschichten besser waren als andere. Insgesamt allerdings haben mich alle gegruselt, und sie haben alle gehalten was sie versprochen haben - gute Unterhaltung an kalten, dunklen Vorweihnachtsabenden, die einem Schauer über den Rücken jagt bevor die Auflösung kommt.
Zu empfehlen, vor allem für Leser, die sich gerne etwas gruseln.
Antonia Heger
Eine Medienempfehlung zum 800. Todestag von Franz von Assisi am 3. Oktober
Eingängige Biografie des beliebten Heiligen
Sarah Gaffuri: Franz von Assisi & die Suche nach dem einfachen Leben. – Sachbuch, 2026 – 134 Seiten
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Ein Einsteigerbuch über den Heiligen Franziskus in der Reihe "99 Dinge, die zu wissen lohnt" hat Sarah Gaffuri anlässlich seines 800. Todestages verfasst. Dabei werden seine Persönlichkeit, sein spannendes Leben, die Ordensgründung und dessen Regeln in den historischen Kontext eingeordnet. Die Beziehung zu seinen Brüdern und später Schwestern wird geschildert, seine Eigenheiten, seine Bescheidenheit und warum er kein Führungsamt innerhalb des Ordens anstrebte. Seine Begegnung und der freundschaftliche Umgang mit Muslimen, andere Orden und das Erbe des Franziskus sind weitere Themen des Buches.
Zahlreiche Bilder lassen das Leben des Heiligen lebendig werden, es wurden viele Bilder von ihm gemalt. Durch die kleinteilige Gliederung in 99 Abschnitte sind die Informationen sehr gut zu lesen, und auch für Jugendliche / Schüler/innen ist die unterhaltsam geschriebene Biografie gut geeignet.
Tanja Schleyerbach