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Empfehlungen Dezember 2020

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen


 

Tödlicher Virus

Spinney, Laura: 1918 - Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. – München: Hanser Verlag, 2018. – 377 Seiten

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Es ist während Corona vielleicht keine gute Idee, ein Buch über eine historische Pandemie zu lesen, fragte ich mich, als mir dieses Buch in die Hände fiel. Dieses aber schon, denn die Wissen­schafts­journa­listin Laura Spinney ver­steht es, ein schwieriges Thema spannend auf­zu­bereiten. Im Jahr 1918 wütete die Spanische Grippe rund um den Globus. Zwischen 50 und 100 Millionen Tote war die ver­heerende Bilanz der Krank­heit und binnen weniger Wochen erkrankte ein Drittel der Welt­bevölkerung. Welche Aus­wirkungen diese Katastrophe auf Gesell­schaft, Politik und Kultur hatte, zeigt die Autorin auf. Die Spanische Grippe traf Politiker und Schrift­steller, Schau­spielerinnen und Tage­löhner gleicher­maßen, aber vor allem auch die Männer in den Schützen­gräben Frankreichs und beeinflusste damit den 1. Weltkrieg. Ob in Europa, Amerika, Asien oder Afrika, an vielen Orten brachte die Grippe auch die Macht­verhält­nisse ins Wanken und prägte Moderni­sierungs­bewegungen. Und auch damals gab es Ansätze, die Menschen zu schützen und Scharlatane, die mit obskuren Medizinen Geld verdienten.
Historisches Thema, topaktuell!

Andrea Däuwel-Bernd

 

Wörterherkunft zum Mitraten

Schomburg, Andrea; Schautz, Irmela: Der geheime Ursprung der Wörter. Das Herkunfts­wörter­buch zum Mitraten. – DuMont Verlag, 2020. – 171 Seiten

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Die Herkunft von fast vergessenen deutschen Wörter wird in diesem hand­lichen und liebe­voll illu­strierten Buch erläutert. Das Besonders daran ist: jeder kann mitraten! Vier Herkunfts­geschichten werden angeboten, aber nur eine davon ist wahr, alles andere ist Humbug. Ein paar Beispiel­wörter:  Schlafittchen, Firlefanz, Brimborium, Larifari, Blaustrumpf oder Mumpitz. Neugierig geworden? Am besten gleich ausleihen und losknobeln!

Tanja Schleyerbach

 

Niemand versteht die Ledermäuse!

Moers, Walter: Der Schrecksen­meister. Ein kulinarisches Märchen aus Zamonien. – München: Piper, 2006. – 382 Seiten

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In Sledwaya ist man krank. Chronisch. Auch Echo, dem Krätzchen, geht es nicht gut. Er ist am Verhungern. Also schließt er einen Pakt mit dem Schrecksen­meister Eißpin, um wenigstens noch bis zum nächsten Vollmond weiter­zu­leben. Auf dem Schloss des Schrecksen­meisters gibt es nicht nur die leckersten Leckereien, es wird auch ein Gespenst gekocht, und Echo lernt Geheimnisse der Alchemie und verschiedene (leicht skurrile) Geschöpfe kennen. Unfassbar fantasie­volle Geschichte mit wahn­sinnig originellen Ideen. Extrem lustig und schön. Love it!

Andrea Bässgen

 

Mäuschen spielen im Atelier

Francesca Bonazzoli / Michele Robecchi: Gesichter mit Geschich­ten: 43 Porträts in der Kunst. München: Prestel Verlag, 2020. – 197 Seiten

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Wer sind die Menschen, die sich hinter berühmten Porträts der Kunst­geschichte verbergen? Heute bewundern wir in Museen die Form und Farbe von Bild­nissen und die Fertig­keiten der Künstler­innen und Künstler, wie sie die Gesichter so lebens­nah dar­stellen können. Aber immer, wenn ich vor einem Porträt stehe, frage ich mich, wie die Lebens­geschichte der Porträtierten ver­laufen ist, wie sie heißen und was sie in ihrer Zeit erlebt haben. Nur manchmal findet man im Internet dann aus­reichende Antworten. Dieses Kunst­buch will Menschen und ihre Gesichter in den Mittel­punkt stellen und die Identität der Modelle ent­schleiern. Auf jeweils 4 Seiten werden berühmte Porträts ab 1500 bis heute vorgestellt. Und es werden spannende Dramen, Stories und Anekdoten rund um die Gestalten auf der Leinwand erzählt: Caravaggios Madonna dei Pellegrini im Altarbild war eine Prostituierte, Rubens malt die eigene Ehefrau nackt, zwei französische Botschafter posieren zwischen Totenschädel und Laute, die englische Lady hat einen rasend eifer­süchtigen Ehemann, der Zahnarzt steht Modell. Besonders auf­schluss­reich fand ich die Erläuterungen zu den Bildern aus der zeitgenössischen Kunst. Die Hinweise im Buch offenbaren deren oft zeit­geschicht­lich höchst aktuellen politischen Bezug.
So lässt sich Kunst­geschichte auch für Laien spannend erzählen. Und beim nächsten Gang ins Museum wird der Blick ein anderer sein, egal ob er auf Madonnen, Kinder oder Pilgernde fällt!

Andrea Däuwel-Bernd

 

Packendes Biopic

Manaslu. Berg der Seelen. – Regie: Gerald Salmina. – D, 2019. – 1 DVD. – 118 Minuten

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Hans Kammerlander, Jahrgang 1956, Extrem­bergs­teiger, der 12 Acht­tausender erklomm, verlor 1991 am nepalesischen Berg Manaslu an einem Tag innerhalb weniger Stunden zwei seiner besten Freunde: Karl Großrubatscher stürzte ab, Friedl Mutschlechner wurde bei einem Gewitter­einbruch vom Blitz erschlagen. In Rück­blenden wird Kammerlanders Leben sowie dieser schicksal­hafte Tag einge­blendet und reflektiert. Angefangen von den kleineren Bergen seiner Südtiroler Heimat bis zu den größten Himalaya­über­querungen an der Seite Reinhold Messners werden in Spiel­film­sequenzen dramatische Szenen nach­gespielt und sein Leben unge­schminkt in Höhen und Tiefen, Erfolgen und Nieder­lagen packend dargestellt. „Am Berg gibt es keine Moral“ – dieses Zitat wird auf die Probe gestellt. Immer wieder werden die nach­gespielten Szenen mit berückend schönen Natur­aufnahmen ergänzt durch Interviews mit einem Mann, der 2013 bei einer Alkohol­fahrt einen jungen Menschen tötet und über diese Tragödie, „den größten Fehler meines Lebens“, nicht mehr hinweg­kommt. Auch seine Ex-Frau Brigitte kommt zu Wort. 2017 stellt sich Kammerlander nach 26 Jahren erneut dem Berg – und dem nie verwundenen Verlust seiner beiden Freunde bei seiner Erst­besteigung.

Spannend, nervenaufreibend, absolut sehenswert!

Tanja Schleyerbach

 

Verrückt nach Angelika Kauffmann…

Verrückt nach Angelika Kauffmann. – Heraus­geberin: Bettina Baum­gärtel. – München: Hirmer, 2020. – 208 Seiten

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Beispiellose Karriere einer Malerin im 18. Jahrhundert

Als Tochter eines Malers begann Angelika Kauffmann sehr früh, künstlerisch tätig zu werden. Als Frau in einem männer­dominierten Umfeld, erlebte sie eine beispiel­lose Karriere als klassi­zistische Porträt- und Historien­malerin in London und Rom. Kaiser und Könige zählten zu ihren Kunden. In ihrem Haus verkehrten Herder und Goethe, die sie auch porträtierte. Um der großen Nachfrage nach Porträts nachzukommen, rationalisierte die tüchtige Geschäftsfrau sogar ihre Arbeits­prozesse. In ihren Gemälden griff sie Mode­strömungen der Zeit auf (z.B. kleidete sie Frauen in türkische Gewänder), stieß aber auch selber neue Modetrends an. Bereits zu ihren Lebzeiten (1741-1807) war sie ein Mythos. Ein neuer prachtvoller Bildband zeigt ihre wichtigsten Werke und beschreibt ihr ungewöhnliches Leben. Eine bemerkens­werte Frau, die man kennen­lernen sollte.

Maria Weber

 

Bewegende Weltreise zu religiösen Heiligtümern und Bräuchen

Hüter der Heiligen Stätten. Die spirituelle Bedeutung von Heilig­tümern. – Regie: Matt Barrett. – BBC, 2020. – 1 DVD. – 150 Minuten

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In der dreiteiligen BBC-Dokumentation werden bekannte und unbekanntere Kult­stätten ver­schiedener Religionen und Menschen, für die diese Heilig­tümer eine große Bedeutung in ihrem Leben haben, vorgestellt. Beein­druckend, wie in Angkor Wat / Kambodscha Fassaden­kletterer die heraus­wachsenden Büsche bis in die Spitze der Türme kappen, wie die große Lehm-Moschee in Djenne / Mali von vielen fleißigen Händen jedes Jahr saniert wird, wie eine fünf Tonnen schwere Marien­statue durch Malagá getragen wird, wie eine miss­brauchte Jesidin an den heiligsten Ort ihrer Religion zurück­kehrt, um wieder in die Glaubens­gemein­schaft auf­genommen zu werden, oder wie Shinto-Gläubige ein auf­wändiges Ritual zelebrieren, das die bösen Geister für ein weiteres Jahr von ihrem Land fern­halten soll.

Spirituelle Rituale und Orte rund um den Globus werden lebendig und eindrücklich vorgestellt.

Tanja Schleyerbach

 

Russische Literaturgeschichte mal anders

Kaminer, Wladimir: Tolstois Bart und Tschechows Schuhe. Streifzüge durch die russische Literatur. Über Leben und Werk von Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Anton Tschechow, Michail Bulgakow, Wladimir Majakowski, Vladimir Nabokov und Daniil Charms. – München: Wunderraum, 2018. – 272 Seiten

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Immer wieder erstaunlich, wie die russischen Autoren bei uns in der Stadt­bibliothek Reutlingen gelesen werden. Sonst sind die Klassiker „solala“ gefragt, aber die russischen Schrift­steller mit ihren oft umfang­reichen Werken stellen da eine Ausnahme dar. Woher kommt das? „Mit nichts lässt sich Heimweh besser bekämpfen als mit der großen russischen Literatur", erklärt Wladimir Kaminer in seinem neuen Buch „Tolstois Bart und Tschechows Schuhe" – und er weiß, wovon er spricht. Seit der Bestseller­autor 1990 nach Deutschland kam, schreibt er humoristisch, ironisch und manchmal sarkastisch über sein Leben als russischer Einwanderer und über die Charakteristika der russischen und deutschen Seelen. Schrift­steller/innen in Russland waren – laut Kaminer – fast so etwas wie frühe Popstars und gehören wohl zur russischen Identität dazu. Jetzt hat der Autor deren Lebensläufe neu aufgemischt und mit vielen Anekdoten eine Literatur­geschichte geschrieben, die für alle Kaminer-Fans und literarisch Interessierte ein humor­volles Vergnügen ist.

Andrea Däuwel-Bernd