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Mein Herz schlägt für Beating Hearts!
Beating Hearts / Regie: Gilles Lellouche. – 2025 – 163 MInuten – ab 16 Jahre
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Clotaire und Jackie könnten unterschiedlicher nicht sein: Er ist der Sohn einer Hafenarbeiterfamilie, ohne Zukunftsperspektive, impulsiv und hat seinen Charme nicht zuletzt seinem ungestümen Temperament zu verdanken. Sie hingegen stammt aus gut bürgerlichem Hause, ist klug, unerschrocken und will es zu etwas bringen. Dennoch verlieben sie sich unsterblich ineinander und weder sein Abrutschen in die Bandenkriminalität noch die lange Zeit, die eine ihm angehängte Haftstrafe zwischen sie bringt, ist in der Lage, dieses Band zu durchtrennen.
Die Prämisse dieses französischen Kino-Hits ist wenig originell und auch die verschiedenen Themen, die der Film aufgreift, sind nicht immer perfekt abgerundet. Ausschlaggebend ist hier allerdings weniger, was der Film erzählt, sondern vielmehr, wie er es uns erzählt. Die beiden Jungschauspieler, eine unglaublich dynamische Kameraarbeit sowie vor Kreativität und Einfallsreichtum strotzende Szenen und Bilder wie das eines Kaugummis, den sich die Protagonistin in Erinnerung an ihren ersten Kuss an die Wand klebt und der daraufhin wie ihr eigenes Herz zu schlagen beginnt, schaffen es, altbewährten aber mit der Zeit abgegriffenen Motiven neue Vitalität zu verleihen. Intensiviert wird die Sogkraft von einem Soundtrack mit Titeln von „The Cure“ und „Billy Idol“, die den Zeitpunkt der Geschichte auch akustisch verorten. Man könnte Beating Hearts durchaus als zu naiv, teilweise zu drüber oder zu klischeebehaftet abstempeln. Das würde dem Film aber nicht gerecht werden. Obwohl er das anfängliche Energie-Level nicht bis zum Ende hochhalten kann, zieht er das Publikum unweigerlich in seinen Bann und macht die Liebe und Hingabe des Regisseurs zum Medium spürbar.
Ein cineastischer und mitreißender Film!
Annika Schlosser
Sechs Tiefseetaucher/innen. Ein Team. Aber können sie sich wirklich vertrauen?
Dean, Will: Die Kammer. – 2025 – 399 Seiten
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Auch ohne das Thriller-Element in diesem Buch wären die Beschreibungen des Tiefseetauchens schon spannend genug!
Brooke, einzige Frau im Team der Taucher, wird einen Monat lang in einer Kammer tief am Meeresboden Wartungsarbeiten an einer Ölbohrinsel durchführen. Aber schon nach dem ersten Tauchgang nimmt der Auftrag einen ganz anderen Lauf, als alle ihrer bisherigen Jobs.
Tiefseetauchen mit Sättigung ist eine Methode, bei der Berufstaucher über einen längeren Zeitraum in großen Tiefen bleiben können, bis ihre Körpergewebe vollständig mit einem Gasgemisch (z.B. Helium, Stickstoff etc.) gesättigt sind, um die langen Dekompressionszeiten nach einzelnen Tauchgängen zu vermeiden. So können die TaucherInnen mehrere Wochen unter Wasser leben und arbeiten.
Wirklich fesselndes Szenario, das den Leser in die dunklen Tiefen der menschlichen Psyche mitreißt. Die starke und zähe weibliche Protagonistin tut ihr Übriges um mich vollends von diesem Buch zu begeistern.
Katrin Grießinger
Zeichnerisch eingefangene menschliche Eigenwilligkeiten
Gaymanns Welt. Der Jubiläumsband. – 2025. – 239 Seiten
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In Tübingen zu Ende gegangen ist im August anlässlich seines 75. Geburtstages Peter Gaymanns Ausstellung „Lachen in verrückten Zeiten“ mit 250 seiner Originale. Kunst waren Cartoons lange Zeit nicht – das hat sich geändert. Mit Gaymanns Welt erscheint ebenfalls zum 75. Geburtstag des Zeichners (20.000 Werke umfasst sein Archiv) ein Jubiläumsband als Querschnitt aus seinem umfangreichen Oeuvre zu den Themen Liebe, Essen, Kunst, Lifestyle, Politisches, Theater, Reisen und Alter. Auch Skizzen, frisch und unfertig, sind enthalten. Kurze Erläuterungen führen durch mehr als 50 Jahre Cartoonzeichnen.
Kostproben: Ein Paar schaut auf Paris. Er: „Tja, die Stadt der Liebe“ – Sie: „War das jetzt schon der Heiratsantrag?“ Hervorragend eingefangene Kommunikation zwischen Mann und Frau. Tobender User vor dem Computer „Jetzt weiß der Scheiß-Computer mein Passwort nicht mehr“. Das Problem sitzt halt manchmal auch davor. „Kopf in den Sand stecken ist noch keine Yogaübung“ sagt die Henne zum Hahn. Elch und Weihnachtsmann sitzen gemütlich auf dem Sofa und erzählen, dass sie sich über Parship.de kennengelernt haben. Da setzt das Kopfkino ein.
Menschlichkeit und Selbstironie sind gute Voraussetzungen, um sich auch den Themen Demenz und Alter zuzuwenden. Nicht bissig oder verletzend, dafür treffend, nicht tagespolitisch, aber gesellschaftskritisch und zeitlos. Witzig sind vor allem die markanten Gesichtsausdrücke, überzeichneten Körpermaße und scharf beobachteten menschlichen Schwächen und Absonderlichkeiten, teils auf Huhn und Schwein übertragen. Einfach Gaymann.
Tanja Schleyerbach
Eine immersive Mischung aus Fantasy und Dark Academia
R .F. Kuang: Babel: or the Necessity for Violence. – 2023 – 560 Seiten
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R. F. Kuang versteht es wie kaum eine andere zeitgenössische Autorin in ihren Büchern sozialkritische Umstände auf unterhaltsame Art und Weise zu verarbeiten.
In „Babel“ nimmt sie sich den europäischen Kolonialismus des 18. und 19. Jahrhunderts vor und beschreibt darin die Folgen europäischer Expansionsbestreben, eingebettet in eine atmosphärische Fantasy-Geschichte.
Der Roman folgt Robin Swift, der in Canton geboren aber nach dem Tod seiner Mutter von einem einflussreichen britischen Professor als Zögling aufgenommen wurde und in Babel, einem renommierten Institut für Übersetzungsforschung an der Universität Oxford, ausgebildet wird, wo er im Laufe seiner akademischen Ausbildung zwischen die Fronten im Kampf gegen die kulturelle Hegemonie des Westens gerät.
Er wird von einer geheimen Organisation rekrutiert, die am Umsturz des britischen Imperiums arbeitet, und mithilfe seiner Freunde – und der Magie der Silberbarren, welche nur gewiefte Übersetzer aktivieren können – muss er es bald mit dem gesamten staatlichen und universitären Establishment aufnehmen, um einen schrecklichen Krieg zu verhindern...
Mir hat dieses Buch auf mehreren Ebenen sehr gut gefallen. Zum einen schreibt die Autorin sehr spannend und mitreißend, sowohl was die Charakterentwicklung ihrer Figuren als auch den atmosphärischen Hintergrund, vor dem diese Geschichte stattfindet, betrifft. Zum anderen hat mir die Art und Weise wie sich die Autorin hier mit der Geschichte auseinandersetzt gut gefallen.
Antonia Heger
Ein ambivalentes Vater-Sohn-Verhältnis und ein bewusster Abschied
Hannes Ringlstetter: Ein Steinpilz für die Ewigkeit. Mein Abschied vom Vater. – 2024 – 159 Seiten
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Was für ein schöner Buchtitel! Der Kabarettist Hannes Ringlstetter hat ein berührendes und gleichzeitig unsentimentales Buch über seine Beziehung zu seinem Vater und seinem Abschied von demselben verfasst. „Der alte Herr“ wird 93 Jahre alt, bevor er im Kreis seiner Lieben die Erde verlässt. Es ist eine Beziehung von Nähe und Distanz, von Interesse und Unverständnis, von Zuwendung, Strenge und auch von Gewaltausbrüchen den Kindern gegenüber. Der Kabarettist, Musiker und Entertainer reflektiert ihre Beziehung und sein Leben, er berichtet von Verlustängsten und dem Umgang mit dem Tod, von Gesprächen am Ende des Lebens und vom Verzeihen, von der Musik, von der Klugheit seines Vaters, seinen unendlich vielen Interessen, Begabungen und seinem Fleiß, seiner Verlässlichkeit und seinem nachhaltigen Lebensstil. Ringlstetter erzählt auch von den Gewaltausbrüchen des Vaters, die ihn lange beschäftigen und die er ihm vergibt, ehe der Vater selbst um Verzeihung bittet. Er reflektiert das Sterben und die eigene Endlichkeit und blickt am Ende ein Jahr später auf das „Trauerjahr“ zurück. Dabei kommt Ringlstetter nicht ohne Humor aus. Trotz eines unterhaltsamen Schreibstils berührt das Buch und macht zwischenzeitlich nachdenklich, schwermütig und wirkt nach.
Gerne vor dem Tod der eigenen Eltern zur Lektüre empfohlen – und auch danach.
Tanja Schleyerbach
Menschenversuch Atombombe
Klaus Scherer: Nagasaki – 2015 – 256 Seiten
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Nach meinem Besuch im Atombombenmuseum Nagasaki wollte ich die geschichtlichen Hintergründe verstehen, welche zu den Atombombenabwürfen geführt haben.
Im Buch werden Aussagen von Zeitzeugen in die historischen Abläufe rund um das Potsdamer Abkommen, das am 2. August 1945 von den Siegermächten der USA, Großbritannien und der Sowjetunion beschlossen wurde, eingebunden.
Wer nun Schuld hat oder nicht – darauf möchte ich mich gar nicht festlegen. Aber es liegt die Vermutung nahe, dass beide Atombomben (Hiroshima und Nagasaki) von Anfang an mit dem Ziel gebaut wurden, sie unter „realen Bedingungen“ zu testen und ein Abwurf in jedem Fall erfolgen sollte.
Die Schilderungen der Zeitzeugen sind teilweise kaum zu ertragen. Ich habe das Buch auf die Seite gelegt und durchgeatmet, wenn es mir zu viel wurde – das konnten die Zeitzeugen, damals noch Kinder und oft einzige Überlebende, nicht.
Da Japan als Reiseland gerade im Trend ist, unbedingt Nagasaki besuchen! Eine tolle Stadt, vor allem im Oktober zum Kunchi Festival.
Maike Schneider
Skurriles Szenario im aktuellen Politikzirkus
Gaea Schoeters: Das Geschenk. –2025 – 129 Seiten
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Nach „Die Trophäe“ legt die belgische Autorin ihren zweiten Roman in deutscher Übersetzung vor, der einen Bezug zu wildlebenden Tieren auf dem afrikanischen Kontinent hat. Das Thema kombiniert sie mit aktueller deutscher Politik. Der Präsident Botswanas schickt, nachdem die Bundesregierung ein Einfuhrverbot von Elfenbein und Jagdtrophäen erlassen hat, über Nacht 20.000 Elefanten nach Deutschland. Mysteriös, wie sie hierher gelangten, eine Erklärung gibt es dafür nicht. Sie haben sich plötzlich manifestiert und halten die Bewohner/innen und die Umgebung Berlins, allen voran Politiker und Bauern sowie die ganze Nation in Atem. Verheerende Unfälle mit Autos passieren, die landwirtschaftlichen Flächen werden abgegrast, ein Elefantenkind wird geboren, sie spazieren in Ausstellungen, hinterlassen Unmengen Dung, der wirtschaftlich genutzt werden kann und im Frühjahr ein Unkraut sprießen lässt, das alles überwuchert und nichts Anderes mehr wachsen lässt. Der Bundeskanzler, seine Vorgängerin, seine Mitarbeitenden und die neu eingestellte Elefantenministerin sind hoffnungslos überfordert, tun aber so, als ob sie alles im Griff hätten und daraus ein goldenes Geschäft zu machen sei. Wahlen stehen bevor, und der Chef der rechtsradikalen Partei im Bundestag, die in Umfragen weit vorne liegt, reibt sich die Hände. Er hat auch in diesem Fall Lösungen parat, die den Praxistest nicht bestehen müssen. Seine Wortwahl gleicht der in der Lösungsfindung bei der Frage über den Umgang mit geflüchteten Menschen. Subtil tauchen unentwegt innere Bilder der jetzigen und vergangenen Politiker beim Lesen auf, und das ist die humorige Seite. Weniger humorvoll sind Themen wie korrupte Verquickungen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowie nach erfolgreich verkauften Lösungsrezepten und daraufhin einer äußerst knapp gewonnenen Wahl für den Bundeskanzler und seine konservative Partei die Umsiedelung der Elefanten in ein anderes Land, wo sie sofort zum Abschuss freigegeben werden. Schoeter verbindet Themen des globalen Zusammenlebens aus europäischer Perspektive mit zugespitzten skurrilen und irrealen Szenarien im aktuellen Kontext.
Tanja Schleyerbach
Welche Rolle spielt Geld für die Liebe? Was ist ein Mord wert?
Martin Suter: Wut und Liebe. – 2025 – 293 Seiten
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Martin Suter hat sein neuestes Werk vorgelegt, das von Noah handelt, einem brotlosen Künstler und Camilla, seiner Lebensgefährtin, die den Unterhalt für beide verdient und unter ihrem Job leidet. Sie liebt Noah, aber das Leben mit ihm nicht mehr, und sie verlässt ihn für ein Leben, das sie liebt ohne den Mann, den sie liebt. Klingt kompliziert und ist es auch. Noah will Camilla um jeden Preis zurückgewinnen und scheut auch nicht vor einem Auftragsmord für eine ältere Dame zurück, der ihm genügend finanziellen Spielraum bieten könnte. Ob Camilla damit zufrieden und zurückzugewinnen wäre? Die Verwicklungen werden enger, und es wird immer spannender. Am Ende geht alles ganz anders aus. Natürlich bewegen wir uns mit Suter wieder in der Schweizer Welt der Reichen und Schönen, des Ausgehens, der endlosen Drinks und der gehobenen Esskultur – und der Affären.
Berührend: seine 2023 verstorbene Frau ist immer noch seine erste Leserin. „Wie würde sie das finden“ begleitet den Autor beim Schreiben des Buches.
Wirklich fesselnd konstruiert, gut in einem Schwung zu lesen!
Tanja Schleyerbach