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Empfehlungen Oktober 2020

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen

               


 

Öko-Wissenschaft auf Weltreise

Chatelperron, Corentin de: Sailing for future. Mit Low-Tech und Low-Budget um die Welt. – Bielefeld: Delius Klasing, 2020. – 240 Seiten

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Es klingt wie der Beginn einer Abenteurer­geschichte: „An einem Winter­abend läuft die Nomade des Mers aus dem Hafen von Concarneau aus“. An Bord ist ein Welt­verbesserer auf der Mission, Hilfe durch Selbst­hilfe mit Nach­haltig­keit zu ver­binden. Der Franzose Corentin de Chatelperron ist Ingenieur und trifft Erfinder in aller Welt, deren Projekte und Techniken sich durch Umwelt­bewusst­sein aus­zeichnen und zum Nach­machen auf­fordern: einfache Funktion, einfache Herstellung, einfache Bedienung, zusammen­gefasst als Lowtech bezeichnet. Einfache Reparatur nicht zu vergessen. Science for future also. Auch wer sich wie ich wissen­schaft­lich-technisch nicht wirklich aus­kennt – die Zeichnungen sind aber sehr hilf­reich – hat einfach Spaß am Zukunfts­optimismus und der alltags­nahen, impro­visierten Suche nach Lösungen und fiebert mit, wenn den Hühnern Marvin, Camille, Chab und Amandine an Bord etwas fehlt. Immer wieder deutlich wird die Wert­schätzung von Wissen, das oft aus Not­lagen generiert und von Leuten wie Abdoulaye gepflegt wird. Dieser arbeitet im „Tagebau der Dinge“ in Mali und im Senegal. Die einen würden es Müll­kippe nennen, die anderen sehen darin ein Wieder­verwertungs­paradies. Genauso wichtig wie die Reparaturen ist ihm aber die Weiter­gabe des Wissens an junge Leute.
Viele Fotos, O-Töne im Tage­buch­stil und anschau­liche Beschreibungen der Begegnungen (mit Menschen, Tieren, Natur­gewalten) und Heraus­forderungen auf See machen die Buch­gestaltung lebendig, und so ist der wissen­schaft­liche Inhalt sozusagen „leichtes Gepäck“ für Leser/innen, die sonst gerne zu Ohne-Flugzeug-ohne-Geld-um-die-Welt-Titeln oder zu Welt­verbessern-für-Anfänger-Selbst­versorgung-mit-eigenem-Federvieh-Ratgebern greifen.
Nur schade, dass die Arte-Sendungen zur Reise inzwischen nicht mehr in der Mediathek zu sehen sind.
Hier wenigstens ein filmischer Eindruck vom Buch auf www.litvideoserver.de

Jutta Zimmermann

 

Das erste Kuhaltersheim

Butenland. Regie: Marc Pierschel. – Deutschland, 2020. – 1 DVD. – 82 Min.

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Jan Gerdes erbt den konven­tionellen Bauernhof seines Vaters und stellt sofort auf Bioland­wirtschaft um. Einige Jahre betreibt er den Demeterhof, bis er sich immer unwohler damit fühlt, die Tiere als Nutzvieh zu halten. Ein Burnout bringt ihn dazu, alle Tiere zu verkaufen, ihr Fleisch wird zum Nahrungs­mittel für Menschen. Die Milch­produktion warf nicht mehr genug ab, jährliche Steigerungen sind auch in jedem Bioland­betrieb unumgänglich. Und auch hier werden Tiere zu Produktions­maschinen für billige Lebens­mittel, werden Kälber nach einer kurzen Zeit ihren Müttern entzogen. Denn: Prall gefüllte Euter sieht man nicht, wenn Kälber bei ihren Müttern gelassen werden und im natürlichen Lebens­rhythmus „abgestillt“ werden.
Jans Tiere gehen den Weg in den Schlachthof – alle bis auf 12 Rinder. Mit ihnen hat er anderes vor: Zusammen mit der ehemaligen Tier­aktivistin Karin Mück setzt er mutig seine neue Idee um – ohne Netz und doppelten Boden, ohne zu wissen, wie es funktionieren kann. Das erste Kuh­altersheim entsteht, ein Lebenshof für Tiere, mit denen die Menschen auf Augenhöhe leben. Aber jede Kuh kostet zwischen 250 und 300 € pro Monat, die jährlichen Lohn­kosten belaufen sich auf 150.000 €. Die beiden neu ausgebauten Ferien­wohnungen und einige Spenden tragen dieses Projekt nicht. Jan und Karin gründen eine Stiftung, die es den „Aussortierten“ Paul, Lillja, Uschi und vielen anderen Tieren erlaubt, jenseits des kommerziellen Nütz­lichkeits­aspekts einen Lebens­abend in Würde und Freiheit in einem friedlichen Miteinander von Mensch und Tier zu erleben. Täglich kommen neue Anfragen, aber Jan und Karin haben ihr Limit auf 45 Kühe und Rinder gesetzt. Mehr können sie nicht retten. Nur wenn eines ihrer Tiere stirbt, wird Platz für ein neues frei. Die Kriterien sind überaus schwierig, und die beiden machen sich die Entscheidung nicht leicht. „Der Film stellt die bewegenden Schicksale der Tiere in den Vordergrund, welche sonst in den Regalen der Super­märkte verborgen bleiben. Er zeigt auch auf, an welche Grenzen Jan und Karin stoßen, wenn sie versuchen Tiere zu retten, und dass ein Lebenshof neben vielen schönen Momenten mit den Tieren vor allem eines bedeutet: harte Arbeit.“
Marc Pierschel begleitet auch den Prozess des Abschied­nehmens von Paul. Eine Operation ist für Rinder nicht vorgesehen, und so wird er nach einem Prozess des Abschied­nehmens eingeschläfert und zur Tier­kadaver­verwertung abtrans­portiert. Es gibt Vorschriften, denen sich auch ein Gnaden­hof nicht entziehen kann. „Sie haben ja Recht, aber dieser Fall ist im System nicht vorgesehen“, lässt eine Veterinär­ärztin die beiden wissen. Besonders beeindruckend ist es, die Rinder auf der Weide miteinander spielen und toben zu sehen und ihre besonderen Charaktere wahr­zunehmen und kennen­zulernen. Wie Menschen auch ist jedes eine eigene Persönlichkeit. Im krassen Gegensatz dazu werden die Haltungs­bedingungen eines modernen Vieh­betriebs und die Leistungs­schauen der Besten gezeigt. Die Herden­tiere wirken wie nicht sie selbst, wenn sie einzeln unter hoher Stress­belastung vorgeführt oder nebeneinander eingepfercht sind. Rinder nehmen schneller und demütiger als andere Tiere hin, was Menschen ihnen antun.
Eingeflochten in die Geschichte des Butenhofes sind Karins Erfahrungen als militante Tierschutz­aktivistin, Erinnerungen an eine Zeit, in der sie mit Weg­gefährten gewaltsam in Tierversuchs­anstalten eingedrungen ist und die Tiere daraus befreit hat. Entsetzliche Bilder von Tier­versuchen und gequälten Tieren sind zu sehen. Karin und ihre Weggefährten wollten ein Haus für Tier­versuche abbrennen, noch bevor es in Betrieb genommen werden konnte. Dafür wurde sie der Gründung einer terroristischen Vereinigung angeklagt und in Einzelhaft genommen. Ihre Strafe wurde jedoch – wie die der anderen – auf Bewährung ausgesetzt. Rückblickend reflektierend sind alle zu Wort kommenden Aktivisten der Meinung, damals ethisch richtig gehandelt zu haben.
Zwei Jahre hat Marc Pierschel dieses besondere Projekt begleitet und die Interviews eingefangen. Eine nach­denklich und manchmal auch traurig machende Dokumentation, die lange nachwirkt.

Tanja Schleyerbach

 

Brockhaus: Papier ist out, digital ist in

B - Brockhaus NE. Online-Ressource der Stadtbibliothek Reutlingen

Weiter zu Brockhaus NE - Anmeldung mit gültigem Bibliotheksausweis

Früher stand der Brockhaus als gewaltiges Lexikon in jeder Bibliothek. Mit über 30 Bänden, klein­gedruckten Lexika-Artikeln, Goldschnitt, Ledereinband wirkte er auf Schüler/innen fast schon furcht­einflößend. Heute gibt es ihn so nicht mehr. Stattdessen: ein schlankes und modernes Online-Nachschlage­werk, das rund um die Uhr geprüfte und seriöse Informationen zu allen Wissens­gebieten enthält. Als digitales Nachschlage­werk bietet die Brockhaus Enzyklopädie einen einfachen Zugang zum Wissen der Welt – und Recherche­möglichkeiten, die kein gedrucktes Werk bieten kann. Thematisch verwandte Stichwörter, Literatur­hinweise, Quellentexte und ausgewählte Links vertiefen die über 260.000 Lexikonartikel.
Und vor allem ist der Brockhaus online viel schüler­freund­licher geworden. Der in der Browser­version direkt anwählbare Bereich Schulthemen enthält eine Menge an Informationen, die sich am Lehrplan orientieren: Strukturierte und verständliche Artikel, die das Wichtigste zu einem Thema enthalten und durch Bilder, Illustrationen, Karten sowie Tabellen ergänzt werden. Die Inhalte eignen sich für lebendige Referate und Haus­arbeiten oder zur Vorbereitung auf den Unterricht. Die mobile Version ist etwas einfacher gehalten und bietet keinen direkten Zugang für die Schulthemen, sie sind aber dort über Stichworte abrufbar. 

Andrea Däuwel-Bernd

 

Wissenswertes aus der Medizin für Nichtmediziner

Medizin in 30 Sekunden. Meilensteine der Diagnostik und Therapie. – Hrsg. von Gabrielle M. Finn. – Köln: Verlag Librero, 2020. – 160 Seiten

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Was passiert bei einer Blut­trans­fusion? Wie funktioniert ein MRT? Und wofür sind Protonen­pumpen­hemmer gut? Diese und viele andere Fragen zu Krank­heits­bildern, Diagnostik, Therapie und Pharmazie werden in dem Buch „Medizin in 30 Sekunden“ beantwortet. Hier erfahren Sie, kurz und verständlich dargestellt, das Wichtigste zu allen möglichen Themen; jeder Begriff wird auf zwei Seiten erklärt. Porträts von Pionieren der Medizin runden den Band ab. Mir als Laie hat es Spaß gemacht, in dem sehr gut bebilderten Buch zu blättern und den einen oder anderen Artikel zu lesen. Jetzt weiß ich, dass Alexander Fleming den Wirkstoff Penicillin entdeckt hat und seit wann Prothesen (künstliche Gliedmaßen) hergestellt werden.

Ulrike Dahl

 

Mondgeschichten

Büker, Michael: Was den Mond am Himmel hält: der etwas andere Streifzug zu unserem kosmischen Begleiter. – llustrationen: Tanja Wehr. – Stuttgart: Franckh-Kosmos, 2019. – 128 Seiten

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„Ich seh' den Mond vor lauter Kratern nicht.“

Fragen über Fragen, die wir uns vielleicht nie gestellt haben, werden in Michel Bükers unter­halt­samem Buch über den Mond beantwortet. Wie warm oder kalt ist es dort, was kann man dort hören und sehen, gibt es dort Leben, wie kam der Mensch auf den Mond, wann wird die nächste Mond­landung sein, warum ändert der Mond sein „Gesicht“, wie sieht die Mond­rück­seite aus, und woher kommt der Mond über­haupt? Der Mond am Himmel und im All, als Ding und als Ziel und der Mond der Zukunft wird eingehend beleuchtet. Spannend sind die im Plauder­ton gegebenen Antworten, die, mit Tanja Wehrs Illustrationen angereichert, durchaus anspruchs­voll ausfallen. Ein geniales Duo hat sich hier gefunden: der Astro­physiker und Friedens­forscher und die Kunst­historikerin, Grafikerin und Sketchnoterin. Die Illustrationen veran­schaulichen auf witzige und einprägsame Weise, was als nüchterne Fakten nicht immer ganz einfach zu verstehen ist. Mit Hilfe von eingängigen Vergleichen und Kopf­kino schafft Michael Büker es, komplizierte Sach­verhalte gut komprimiert und verständlich zu erklären. Zwischen­durch dürfen wir zur Erholung einen Mond­spazier­gang machen und erfahren, warum die „Monddiät“ unser Körper­gewicht inklusive Gepäck auf 20 kg beamt. Am Ende des Buches sind wir mit Informationen zum Mond rundum versorgt, und belletristische Literatur­tipps führen zu weiteren Spuren und Geschichten rund um unseren kosmischen Begleiter.

Tanja Schleyerbach

 

Abscheuliches Hörvergnügen!

Lowry, Lois: Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby (und wie am Ende alle glücklich wurden) / gelesen von Stefan Kurt. – Hamburg: Hörcompany, 2019. – 2 CD. – 156 Min.

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Das ist eine ganz altmodische Geschichte mit einer altmodischen Familie, altmodischen Kindern, einem altmodischen Haus, einem abscheulichen Kinder­mädchen. Selbst­verständlich ist das abscheuliche Kinder­mädchen ein Glücksgriff und gibt es in dieser Geschichte ein Happy End, wie es sich so gehört. Aber bis dahin haben Timothy, die Zwillinge Barnaby A und Barnaby B und ihre kleine Schwester Jane so einiges durch­zu­machen, bis sie endlich Waisen sein dürfen. Die Geschichte der Willoughby-Geschwister liegt irgendwo zwischen Hoch­komik und totaler Anarchie, ist chaotisch und traurig, liebevoll und böse, skurril und satirisch. Völlig über­zeichnet und doch wie das Leben. Kinder und für Erwachsene, die die Geschichten von Roald Dahl und schwarzen Humor  lieben, werden auch diese mögen.
Mit Stefan Kurt als Sprecher wird sie zum absoluten Hörvergnügen.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Spannend wie ein Krimi – alte Familiendramen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Franz, Angelika: Tutanchamun. Leben, Tod und Geheimnis. – Frankfurt/M.: Fischer, 2017. – 351 Seiten

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Es war eine Welt­sensation, als 1922 in Ägypten das Grab des Pharaos Tutanchamun mit seinen Schätzen entdeckt wurde. Doch längst sind nicht alle Geheimnisse um den altägyptischen Kindkönig gelüftet. Die Archäologin Angelika Franz berichtet kurzweilig und spannend über das Leben des Pharaos, die Frauen in seinem Umfeld, die Theorien über seine Abstammung, seinen Tod und natürlich über die spektakuläre Entdeckung seines Grabes. Nebenbei erfährt man, wie die alten Ägypter ihre Toten mumifizierten und beerdigten. Anhand neuer Forschungs­ergebnisse wird gezeigt, dass die berühmte Goldmaske sowie viele Grab­beigaben ursprünglich anderen Personen gehörten und nicht für Tutanchamun hergestellt wurden. Neueste Unter­suchungen lassen vermuten, dass es in seinem Grab weitere – zugemauerte und deshalb bislang unentdeckte – Räume geben könnte: möglicher­weise mit Nofretetes Mumie.

Maria Weber

 

Zeitgeschichte bewegend und spannend eingefangen

Morgen sind wir frei. Regie: Hossein Pourseifi. – Deutschland, 2020. – 1 DVD. – 97 Min.

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Im Jahr 1979 ziehen die Chemikerin Beate und ihr Mann Omid mit ihrer gemeinsamen Tochter nach dem Sturz des Schahs aus der ehemaligen DDR in dessen Heimat Iran. Die beiden sind voller Zuversicht, dass Beate dort beruflich durch­starten kann und Omid als Journalist und ehemaliger Dissident ebenfalls zum Aufbau des Landes beitragen kann. Er erhält die Chef­redaktion einer Zeitung.
 
Doch die Revolutions­regierung wird zusehends brutaler und fanatischer, und die Schlinge der islamistischen Herrschaft zieht sich immer enger um Beate und ihre Tochter zusammen. Plötzlich tragen alle Kopf­tuch, und ihre Tochter wird wie sie selbst mit religiösen Vorschriften eingeengt. Mit ihrer Tochter ist es für Beate plötzlich unmöglich geworden, auf legalem Weg das Land zu verlassen. Der Satz „Morgen sind wir frei“ hat sich ins Gegenteil verkehrt. Die iranische Gesell­schaft ändert sich, und es ist nicht mehr möglich, frei seine Gedanken zu äußern. Omid verkennt die Gefährlich­keit der Situation und trifft eine Entscheidung, die seine Redaktion und ihn selbst in große Schwierig­keiten bringt.  Die Geschichte nimmt kein gutes Ende und bewegt zutiefst.

Der aufrüttelnde Film wurde nach einer wahren Begebenheit gedreht, er bleibt lange in Erinnerung und ist ein Mahnmal für Wachsamkeit, Mut, Demokratie und Freiheit.

Tanja Schleyerbach

 

Gruseliges Lesevergnügen

Steinhauer, Eric W.: Büchergrüfte: Warum Büchersammeln morbide ist und Lesen gefährlich. – Darmstadt: wbg, 2014. – 144 Seiten

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Dass Lesen gefährlich ist, wussten wir schon. Aber warum ist Bücher­sammeln morbide? Unsere Kunden versichern glaubhaft und häufig, dass die Reutlinger Stadtbibliothek ihr Lese­paradies sei. An Krankheit, Tod und Verfall denken sie nicht und es wird ihnen auch nicht unheimlich zwischen Regalen oder im Lesesessel. Doch der Schein trügt! Mit solchen Themen können Bücher­sammlungen durchaus etwas zu tun haben. Dieses unte­rhaltsame Sachbuch führt uns zu Leichen im Lesesaal, zu Bibliotheks­bestattungen, Mumien und Körper­teilen in bibliothekarischen Sammlungen. Auch Papier barg in vergangenen Jahr­hunderten Gesund­heits­risiken. Todbringende Erreger nisteten in alten Folianten, Viel­lesen war ein Krankheits­bild und Autor/innen können auch mal langlebige Monster erschaffen.
Eine gruselige, aber höchst unterhaltsame Reise durch die Geschichte der Bücher. 

Übrigens: Die Frage „Wie steht es denn um die Reutlinger Stadtbibliothek?“  können wir beantworten:
Auch wir haben eine Leiche im Keller  ;-)

Andrea Däuwel-Bernd

 

Empfehlungen September 2020

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen

       

 

Das leise Sterben

Fleischhauer, Wolfram: Das Meer. – München: Droemer, 2018. – 443 Seiten

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Mafia und Fischfang – zwei Begriffe, die man nicht unbedingt sofort miteinander in Verbindung bringt. Dieser Öko-Thriller beschreibt erschreckend realitätsnah das komplexe und teil­weise kriminelle Netz der globalen Fisch­industrie. Die Rahmen­handlung bildet das Verschwinden einer Fischerei­beobachterin auf einem spanischen Fang­schiff. Ihre Freunde geben die Hoffnung nicht auf und versuchen das Schicksal von Teresa aufzuklären. In einem weiteren Handlungs­strang geht es um die Umwelt­aktivistin Ragna, die zusammen mit Verbündeten gegen die Zerstörung und Ausbeutung der Weltmeere kämpft und dabei zu drastischen Mitteln greift.
Der Autor arbeitet auch als Konferenz­dolmetscher und ist daher mit den Abläufen in Brüssel und komplexen wirtschaft­lichen und politischen Themen vertraut.  Der Thriller stimmt nach­drücklich und ist gerade in Bezug auf die Nach­haltig­keits­debatte sehr aktuell, da er beklemmend echt aufzeigt, wie zer­störerisch der Mensch mit dem Planeten umgeht.

Lisa Weber

 

Aktuelles Drama

Styx. / Regie: Wolfgang Fischer. – D/A, 2019. – 1 DVD. – 94 Min.

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Styx ist eine griechische Flussgöttin und ein Fluss der Unterwelt als Grenze der Lebenden zum Hades, dem Reich der Unterwelt, dem Totenreich.

Rike ist eine Kölner Notärztin, die in ihrem Urlaub mit ihrem Segel­boot alleine von Gibraltar nach Ascension Island auf­bricht. Sie entscheidet sich, trotz Unwetter­warnung weiter­zusegeln, und hält Kontakt zu einem nahen Passagier­schiff. Mitten im Unwetter trifft sie in unmittel­barer Nachbar­schaft auf ein havariertes, vollkommen über­ladenes Fischer­boot mit ge­flüchteten Menschen, die zu ertrinken drohen. Sie setzt die Notruf­kette in Gang, doch ihre Hilfe­rufe bleiben ungehört, sie wird vertröstet. Als Stunden später keine Rettung naht, trifft Rike Ent­schei­dungen. Ein junger Afrikaner schafft es auf ihr Boot, und sie dreht ab. Es spielen sich menschliche Dramen ab – auf ihrem Schiff, im Meer, auf dem Fischer­boot. Weiterhin naht keine offizielle Hilfe. Es kommt, wie es kommen muss, wenn diese ausbleibt. Alle Menschen ertrinken vor ihren Augen.

Wolfgang Fischer fängt die Situation und Stimmung auf dem Segel­boot realitäts­nah ein, der Film lebt von den Geräuschen, den Bildern, den fehlenden Worten. Er gibt keine Antworten und lässt den Zuschauer mit ungelösten, aktuellen politischen und moralischen Fragen zurück.

Nachdenklich stimmend und sehr sehenswert!

Tanja Schleyerbach

 

Ein Baumerlebnis für Gross und Klein

Wohlleben, Peter / Reich, Stefanie: Weißt du, wo die Baumkinder sind? – Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 2018. – 32 Seiten

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Bäume haben auch Kinder und das kleine Eich­hörnchen Piet möchte diese kennen­lernen. Der Förster Peter sitzt jeden Morgen auf der Bank vor seinem Haus und trinkt seinen Kaffee. Piet, das kleine Eich­hörnchen, nähert sich ihm und scheint traurig zu sein. Der Förster hakt nach und Piet erzählt, dass alle Tiere eine Familie haben, nur er nicht. Peter will ihm zeigen, dass selbst Bäume Kinder haben und sie machen sich gemeinsam auf den Weg in den Wald. Es wird ein richtiges Abenteuer. Sie kommen tief in den Wald hinein, treffen eine Wolfs­familie, sehen gefährliche Maschinen und begegnen Dirk, einem Freund von Peter, mit seinem Pferd. Inzwischen dämmert es und die beiden können nicht mehr zum Forst­haus zurück­kehren. Sie über­nachten daher im Wald. Am nächsten Tag ver­jagt Peter mutig einen gefähr­lichen Habicht. Es ist nicht so einfach, Baum­kinder zu finden, aber sie begegnen immerhin zwei Menschen, die junge Nadel­bäume einpflanzen, aber eine Baum­familie ist nicht in Sicht. Erst im Buchen­wald stehen silber­graue Stämme, Buchen, mit ihren frisch gekeimten Buchen­kindern. Obwohl das Eich­hörnchen begeistert ist, hat es immer noch keine Familie gefunden. Vielleicht kann Peter ihm helfen?
Peter Wohlleben ist Förster und Natur­schützer mit Leiden­schaft. In diesem Bilder­buch bringt er Kindern wunderbar den Wald nahe. Stefanie Reich hat das Bilder­buch hervor­ragend illustriert. Sie schafft es Bäume, Pflanzen, Tiere und Personen durch kräftige Farben und Formen lebendig werden zu lassen. Die Geschichte und die Illustrationen fließen sehr gut ineinander über und lassen den Wald für Kinder lebendig werden. Wenn das Bilder­buch gelesen ist, möchte man am liebsten gleich in den Wald aufbrechen. Ein Lese­vergnügen für Groß und Klein.

Beate Reichmann

 

Strike – drei Romanverfilmungen

Strike – die komplette Serie: Der Ruf des Kuckucks. Der Seidenspinner. Die Ernte des Bösen. – Darsteller: u.a. Tom Burke, Holliday Grainger. – Warner Bros, 2018. – 2 DVDs. – FSK 16

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Sie laufen immer wieder durch die Straßen von London und sind auf der Suche nach Zeugen und Verdächtigen: der findige Privat­detektiv Cormoran Strike, gehandicapt durch eine unbequeme Bein­prothese, und seine tüchtige junge Assistentin Robin. Zusammen lösen sie drei komplexe Mord­fälle. Dabei entdeckt Robin ihre krimina­listischen Fähig­keiten, und zwischen ihr und Strike entwickelt sich ein ganz spezielles Verhältnis.
Die Verfilmung von drei Kriminal­romanen, die J.K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith schrieb, hält sich dicht an die Roman­vorlagen. Die Filme fesseln den Zuschauer und ziehen ihn immer weiter in das Geschehen hinein. Eine gelungene Mini-Serie mit Sucht­potential.

Maria Weber

 

Fußpflege in Marzahn

Oskamp, Katja: Marzahn mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin. – Berlin: Hanser, 2019. – 142 Seiten

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Katja Oskamp ist wahrschein­lich die einzige deutsche Schrift­stellerin, die auch als Fuß­pflegerin arbeitet. In ihrer Geschichten­sammlung „Marzahn, mon amour“ erzählt die Autorin berührend und komisch von ihren Kunden im Ost-Berliner Hoch­haus­viertel und davon, wie sie deren Füße be­handelt. Damit sind wir bei ihrem wunder­baren, lesens­werten Buch „Marzahn, mon amour“ an­ge­kommen. Kauernd vor ihren Kunden, „ganz unten bei den Füßen an­ge­langt“, die nicht selten kaputt sind von dem Leben der kleinen Leute, ver­lieren die Menschen die Scheu und fangen an zu er­zählen. Da ist Frau Guse, eine über 80-Jährige Ur-Berlinerin, mit der die Gespräche nach dem immer gleichen Dialog­tanz ablaufen, der Marzahner Ur­einwohner Herr Paulke, am ganzen Körper reparatur­bedürftig, aber immer noch reise­lustig, die Zustimmungs­künstlerin Frau Blumeier mit ihrem Standard­satz „wollt ick grade sagen“, der ehemalige DDR-Bonze Herr Pietsch, der stramm die Welt erklären und die Fußpflege­kraft anbaggern will und viele andere, meist ältere Bewohner des Hoch­haus­viertels. Mit der gleichen Sorg­falt, die Katja Oskamp den Füßen zuteil­werden lässt, kümmert sie sich um deren schrundige, lädierte Lebens­läufe. Sie hat ein Auge für die Marotten, ein sicheres Gespür für Situations­komik, vor allem aber hat sie ein großes Herz. Man ist immer wieder gerührt von der liebe­vollen, fast zärt­lichen Anteil­nahme, mit der sie ihrer zumeist alten, oft schon stark gehandi­capten Stamm­kund­schaft ein Denk­mal setzt. Für einige wird der Fuß­pflege­termin auch deshalb zu einem Ereignis, weil sie noch einmal Nähe, Wärme und Berührung erfahren, die aus ihrem All­tag längst ver­schwunden sind.
Atmosphäre und Lebens­gefühl enthält diese Geschichten­sammlung aus dem Alltag der kleinen Leute in Ost-Berlin reich­lich und deshalb: Unbedingt lesen!

Andrea Däuwel-Bernd

 

Ergreifende Biografie eines britischen Ehepaars

Winn, Raynor: Der Salzpfad. – Köln: DuMont, 2019. – 330 Seiten

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“Had I seen enough things? When I could no longer see them, would I remember them, and would just the memory be enough to fill me up and make me whole?... Could anyone ever have enough memories?”

Raynor Win packt mich gleich auf den ersten Seiten, ich bin mitten­drin in ihrer Geschichte. Die Geschichte eines britischen Ehe­paars mittleren Alters. Ray kauert mit ihrem Mann, Moth, unter einer Treppe ihres Hauses, sie ver­stecken sich vor den Gerichts­voll­ziehern (Männern in Schwarz). Diese sind gekommen, um ihre Farm für ein­ge­gangene Schulden ein­zu­lösen. Die beiden wissen: Sobald sie durch ihre Haustüre hinaus­gehen, sind sie obdach­los. Ray und Moth haben gemein­sam zwei Kinder groß­gezogen und die Farm mit eigenen Händen auf­gebaut. Im Ver­trauen auf einen Freund und durch einen Fehler beim Gerichts­verfahren, in dem sie sich selbst ver­teidigen mussten, haben sie allen Besitz ver­loren. Alles im Leben der beiden war in kürzester Zeit zusammen­gebrochen: Innerhalb einer Woche kam das Gerichts­urteil und Moths Krank­heits­diagnose: eine neuro­generative Erkrankung (CBD), die in abseh­barer Zeit zum Tod führen wird.

Rays Wunsch ist es, in dieser Situation mit Moth den South West Coast Path zusammen zu laufen, mehr als 1.000 km und 35.000 Höhen­meter mit einem Budget von 48 Pfund pro Woche. Sie wagen es und brechen auf. Es ist eine spannende Reise und ein Weg, der die beiden zu allen existen­ziellen Fragen des Lebens führt. Obdach­losig­keit, Hunger und Durst, Kälte, un­erträg­liche Hitze und Regen, ver­brannte Haut, das Gefühl, nicht mehr zur Gesell­schaft zu gehören, die Krank­heit, die ihren Tribut fordert, ein Voran­kommen im Schnecken­tempo und auf dem ganzen Weg ab­lehnende, ver­ur­teilende, vor­her­seh­bare, aber auch er­staun­liche, wunder­bare und humor­volle Begegnungen – Momente voller Glück. Ray nimmt mich mit in ihre Gefühls­welt und an den Rand des Erträg­lichen, sie beschönigt und ver­schweigt nichts. Bis zuletzt bange ich mit, ob die beiden es schaffen werden und wie es weiter­geht. Es kommt der Winter, und es ist ihnen un­möglich, mit ihrem ein­fachen Zelt und den nicht winter­harten Schlaf­säcken den Weg fort­zu­setzen. Sie kommen auf der Farm einer „Freundin“ unter, doch schnell werden sie dort – in einer ab­hängigen Situation – als kosten­günstige Arbeits­kräfte ein­gesetzt. Ray arbeitet zwei Monate lang mit Schaf­scherern – eine harte Er­fahrung. Mit dem er­sparten Geld aus dieser Arbeit möchten sie nach der Fort­setzung und dem Ende des Weges in ein neues Leben durch­starten. Moth möchte studieren, beide wollen in eine Studenten­bude ziehen und Ray Geld ver­dienen. Nach dem Winter und nach­dem sie ihre vorüber­gehende Unter­kunft unter großem Einsatz renoviert haben, werden sie von der „Freundin“ an die Luft gesetzt und setzen ihre Reise vom geplanten Ziel­ort bis zum Ende ihrer letzten Etappe rück­wärts fort. Das Buch endet mit ihrer Reise und den Plänen für das neue Leben. Angesichts von Moths lebens­bedroh­licher und fort­schreitender, auf dem Weg jedoch auch immer wieder besser werdenden Krank­heit, ein weiterer lebens­be­jahender, Mut machender Schritt. Die beiden finden sich und ihre innige Liebe zu­einander neu, schöpfen Kraft aus der Natur und werden bei allen Heraus­forderungen immer stärker. Die Natur­beschreibungen sind grandios. Ein Buch, das ich ungern aus der Hand gelegt habe: eine ergreifende Biografie!

Tanja Schleyerbach