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Empfehlungen März 2020

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfehlen

   


 

Mitten unter uns

Cankiran, Rukiye: Das geraubte Glück. Zwangsheiraten in unserer Gesellschaft. – Freiburg i.B.: Herder, 2019. – 192 Seiten

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Rukiye Cankiran, engagierte Frauenrechtlerin, in Hamburg aufgewachsen in einem Elternhaus mit türkischen Wurzeln, hat sich eines wichtigen und weltweit brisanten Themas an­genommen: Sie beleuchtet die Rechte von Kindern, Jugendlichen, sehr jungen Frauen (und Männern) in Bezug auf die Frei­willig­keit und Frei­heiten einer Ehe­schließung und in Geschlechts­beziehungen (Zwangsehe, arrangierte Ehe). Die Autorin erläutert gesell­schaft­liche, kulturelle, familiäre Traditionen und Zwänge – mit ihren teilweise verheerenden Folgen für die jungen Menschen, ihre Selbst­bestimmung, Gesundheit und Lebens­gestaltung betreffend. Cankiran deckt auf, wo weggesehen wird und um welchen Preis das geschieht. So genannte „Ehrenmorde“, deren Vorkommen sie auch in Deutschland mit Zahlen und Beispielen belegt, sind ebenso Thema ihres Buches wie die Rolle der Söhne und Männer in Gesell­schaften, die Frauen- und Menschen­rechte grob missachten. Sie erläutert die Motivation und die Strukturen, aus denen solche Handlungen erwachsen. Ihr Lösungs­ansatz ist Ansprechen, Aufklärung und die unmiss­verständliche und nicht verhandel­bare Verteidigung der Menschenrechte weltweit.

Tanja Schleyerbach

 

Abenteuer pur

Heller, Peter: Der Fluss. – München: Nagel & Kimche 2019. – 270 Seiten.

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„Seit zwei Tagen rochen sie den Rauch“. So beginnt der Abenteuer­roman, in dem die beiden Studenten Jack und Wynn auf einem Fluss im Norden Kanadas auf einer Kanu­tour unterwegs sind. Eigentlich wollten sie mehrere Wochen lang die Natur erleben, Einsam­keit, Entspannung und Ruhe finden. Jetzt spitzt sich die Situation dramatisch und un­ver­mittelt zu. Es gilt, dem verheerenden Wald­brand schnell zu entkommen. Eine Gefahr, die die beiden zu zweit meistern können. Aber auf dem Fluss sind andere unterwegs und diese werden zur mörderischen Bedrohung für die beiden. Der Autor hat es nicht eilig, bis seine Geschichte eskaliert. Lange widmet er sich der Freund­schaft seiner beiden Helden, dem Farmers­sohn Jack und Wynn, und ein Element des Romans ist auch der Konflikt zwischen diesen unter­schied­lichen Charakteren und den daraus entstehenden Konsequenzen. Noch mehr Zeit nimmt er sich für die Natur­beschreibungen, und gerade diese Passagen sind absolut großartiger Lese­stoff, lebendig und voller Details und voller grandioser Land­schafts­beschreibungen und Natur­beo­bachtungen.
Ich fand’s spannend und mitreißend!

Andrea Däuwel-Bernd

 

Spannende Verbrecherjagd im britischen Oxford der 1960er Jahre!

Der junge Inspektor Morse, Staffel 1. – Regie: Ed Bazalgette, Tom Aughan. – 3 DVDs, 2017. – 449 Min.

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In der Welt der Krimi- und Thrillerfans ist er wohl­bekannt: Detective (Chief) Inspector Endeavour Morse – seines Zeichens erfolg­reicher Polizist im Kampf gegen Verbrechen aller Art, die die Universitäts­stadt Oxford und ihre Einwohner in Atem halten. Beruhend auf einer Idee des Autors Colin Dexter, schuf der britische Sender ITV 1987 die erste TV-Reihe um Inspektor Morse. Stets begleitet von Detective Sergeant Robert Lewis löst Morse seine Fälle auf manchmal un­ge­wöhn­liche Weise. Doch genau das macht ihn auch so sympathisch.

Aber wie fand der Opernliebhaber in die Welt der Kriminalistik? Auf diesen Wegen wandelt die Serie „Der junge Inspektor Morse“, welche bereits seit 2012 erfolgreich in Großbritannien läuft und 2017 in das Programm von ZDFneo aufgenommen wurde.

Der junge Endeavour Morse, gerade erst von der Legion zurückgekehrt, kommt in Oxford Mitte der 1960er Jahre an und beginnt, bei der Polizei des wunder­schönen Universitäts­städtchens unter Detective Inspector Fred Thursday, der sein etwas brummeliger, aber durchaus loyaler und sympathischer Mentor ist, seine ersten Fälle zu lösen. Der junge Morse ist, im Gegensatz zu seinem späteren Ich, eine schüchterne, stille und zurück­gezogen lebende Erscheinung. Von Zeit zu Zeit wirkt er auch etwas melancholisch, und vorerst wird nicht viel über seine Ver­gangen­heit preisgegeben. Auch wird er nicht gerade mit offenen Armen empfangen, da seine Methoden eher merk­würdig erscheinen. DI Thursday hält jedoch große Stücke auf Morse und steht ihm in verschiedenen Situationen bei, so dass man beinahe sagen könnte, er stellt die Vater­figur für Morse in diesem Szenario dar.

Die Fälle sind teilweise düster und nehmen immer ihren ganz eigenen Verlauf. Oft werden auch mehrere Vorfälle intelligent miteinander verflochten, was die Spannung aufrechterhält. Und dann, wenn der Verbrecher geschnappt, der Tag gerettet und Morse und Thursday ihr wohlverdientes Bier im Pub einnehmen können, wartet manchmal auf dem Nach­hause­weg oder in der Post noch ein kleines Detail des letzten Falles, das alles auf einmal viel klarer und manche Beteiligten anders erscheinen lässt. Und auch der Zuschauer denkt an­schließend noch eine Weile über diesen Wende­punkt der Geschichte nach.

Schlussendlich gibt es drei sehr gute Gründe, weshalb man die Serie anschauen sollte:

1.    Eine Vielzahl an Außenaufnahmen wurde direkt in Oxford gedreht. Die Stadt allein ist eine der schönsten Kulissen, die man sich überhaupt vorstellen kann.

2.    Die 1960er Jahre sind aufgrund der damaligen Lebensstile, Mode und auch den tollen Autos immer eine kleine Zeitreise wert.

3.    Morse ist Kult, egal in welchem Alter man ihm begegnet, und deswegen sollte man ihn sich nicht entgehen lassen!

Jessica Grobelnik

 

Hasstiraden und Überlebensstrategien

Groschupf, Johannes: Berlin Prepper. – Berlin: Suhrkamp, 2019. – 236 Seiten

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Beeindruckend fand ich diesen Thriller, der mit seiner nüchternen und kalten Sprache und düsteren Atmosphäre mehr ist als ein Kriminal­roman: Er bietet eine gesellschafts­politische Bestands­aufnahme, macht die Neonazi-Szene, die Rolle der Medien, populistische Hetze und ent­hemmte Sprache zum Thema.
„Approve, delete, delete, delete“ – jeweils zwölf Stunden muss Walter Noack die Pöbeleien und Hasstiraden in den Kommentaren zu Zeitungs- und Zeitschriften­artikeln löschen. Im News­room eines großen Berliner Medien­unter­nehmens arbeitet er als Online-Redakteur in Schicht. Durch­geknallte User, die sich „Besorgter Bürger“, „Axel Schweiß“ oder „Musashi“ nennen, und deren Hasstiraden sind sein Alltag, Beschimpfungen und Pöbeleien in den Kommentar­foren das tägliche Brot in der Medienwelt. Wenn er nicht im Newsroom sitzt, schwimmt er in der Spree gegen den Strom, hält sich mit Joggen fit und legt Notvorräte an für den Ernstfall. Welcher Ernstfall? Walter ist ein sogenannter Prepper, ein Mensch, der überzeugt ist, dass die gesell­schaftliche Ordnung zusammen­bricht und der sich aufs Überleben trotz Unruhen, Anarchie und Apokalypse vorbereitet. Als es in Berlin im Sommer zu Bränden und offener Anarchie kommt, gerät er immer tiefer in die Szene der Reichsbürger und Neonazis hinein und sein Leben läuft endgültig aus dem Ruder.

Andrea Däuwel-Bernd

 

Spannende Fluchtgeschichte

Ballon. – Regie: Michael Bully Herbig. – 1 DVD, 2019. – 120 Min.

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Im Sommer 1979 planen zwei Thüringer Familien die Flucht aus der DDR – mit einem Heiß­luft­ballon. Was voll­kommen ver­rückt klingt, gelingt beim ersten Versuch fast. Wie es möglich ist, in einem Staat, in dem vieles verboten und von Spitzeln über­wacht, kontrolliert und zensiert und der Zugang zu Waren limitiert war, diese Idee zu gebären und in Realität um­zu­setzen, bedarf eines hohen Maßes an Kühn­heit und Un­ver­froren­heit. Nur eine der beiden Familien wagt letzt­lich dieses Unter­nehmen. Der erste Ver­such, minutiös mit dem selten auf­kommenden not­wendigen Nord­wind ge­plant, um über die Grenze zu kommen, scheitert wenige Meter vor der Grenze mit einem drama­tischen Ab­sturz, bei dem alle vier wie durch ein Wunder über­leben.
Die Ver­zweiflung muss groß sein, um das Leben der eigenen Familie zu riskieren. Der DDR-Staat sieht sich heraus­gefordert, die Flucht­willigen zu schnappen und setzt dafür jedes Mittel ein, und immer enger zieht sich die Schlinge um die kleine Familie, während diese nun wieder mit der anderen Familie zusammen einen zweiten Aus­bruchs­versuch plant, der nicht un­bemerkt bleibt. Stoff­bahnen in dieser Größen­ordnung und die anderen Uten­silien zu kaufen, fällt auf, auch wenn man es klug auf Orte und Personen verteilt, die Ver­käufer werden auf­merk­sam und melden diese Ein­käufe. Die beim letzten Versuch ver­lorenen Tabletten, das gesehene Auto und andere Auf­fällig­keiten führen bald zu den gesuchten Personen.
Der Zuschauer zittert mit, ob den Familien die Flucht dieses zweite Mal gelingt, und auch wenn manche Auf­fällig­keiten und handelnden Personen der Stasi im Film möglicher­weise zusätzlich dramatisiert wurden, so nötigt mir der Mut und der unbedingte Wille zur nerven­aufreibenden Flucht allen Respekt ab. Eine grandios Um­setzung des Stoffes mit tollen Schau­spielern, der auf einer wahren Be­geben­heit beruht und daran er­innert, welche Ver­zweiflung Menschen heute aus ihren Her­kunfts­ländern treibt und sie ihr Leben aufs Spiel setzen lässt.

Tanja Schleyerbach

 

„Ich“ ist das wichtigste Wort

Ausgewählt von Rainer Wieland. – München: Piper, 2010. – 694 Seiten

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Friedrich Hebbel nannte es das „Notenbuch des Herzens“ und Benjamin Constant das „Lagerhaus der Tollheiten“. Die geheimsten Gedanken vertraut man gerne seinem Tage­buch an, aber auch Erfolge und Wünsche, Misslichkeiten, Peinliches und Intimes. Kein Unbefugter soll dazu Zutritt erhalten, aber Tagebücher verheißen dem Leser auch den Blick durchs Schlüsselloch und den Einblick in ganz Privates. Das ist ihr besonderer Reiz. Das Tagebuch­schreiben in seiner ganzen Vielfalt präsentiert das „Buch der Tagebücher“. Es lädt ein zu einer abenteuerlichen Reise in die Welt des Denkens und Fühlens und eignet sich auch wunderbar als Jahrbuch, denn Tag für Tag begegnen uns dort Künstler, Erfinder, Abenteurer und Entdecker.
Für alle, die gerne Stöbern und Staunen.

Andrea Däuwel-Bernd